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Im Fokus

Shiva Stucki-Sabeti

Die Welt ein Stück besser machen

21. April 2017 Von: Urban Schwegler

us. Der Baha’i-Glaube ist eine Weltreligion. In der Schweiz ist die Gemeinschaft mit 1000 Gläubigen verhältnismässig klein. Eine von ihnen ist die Luzernerin Shiva Stucki-Sabeti. Sie erzählt, wie sie ihren Glauben im Alltag lebt, Festtage begeht oder auf Fragen nach ihrer Religion reagiert. Am 10. Mai stellen sich die Baha’i und weitere Luzerner Religionsgemeinschaften in der Kornschütte der Öffentlichkeit vor.

Frau Stucki-Sabeti, Sie sind eine Baha’i. Wie leben Sie Ihren Glauben im Alltag?
Shiva Stucki-Sabeti: Ich versuche, die Baha’i-Prinzipien in meinem täglichen Leben umzusetzen. Das oberste Ziel der Baha‘i ist die Einheit der Menschheit - und zwar in all ihrer Verschiedenheit und Vielfalt. Die Baha’i möchten eine Welt aufbauen, in der alle Menschen, unabhängig ihrer Nationalität, Rasse, Geschlecht und Religion friedlich zusammen leben. Alle weiteren Prinzipien dienen dazu, dieses oberste Ziel zu erreichen. Dabei liegen mir das Prinzip der Gleichwertigkeit von Frau und Mann und dasjenige der Harmonie zwischen Religion und Wissenschaft besonders am Herzen.

In unserer aufgeklärten Welt wird oft gesagt, dass sich Religion und Wissenschaft widersprechen. Sind Glaube und Vernunft überhaupt miteinander vereinbar?
Religion und Wissenschaft ergänzen und benötigen einander und müssen beide der Vernunft entsprechen. Wahre Religion muss in Einklang mit dem Verstand und dem Streben nach wissenschaftlicher Erkenntnis stehen, damit sie nicht in Fanatismus abdriftet. Gleichzeitig vermittelt die Religion die ethischen Massstäbe, an der die Wissenschaft sich orientieren sollte und entfaltet die menschliche Spiritualität. Das folgende Zitat aus den Baha’i-Schriften bringt dies bildhaft auf den Punkt:"
Wenn jemand versuchen wollte, nur mit dem Flügel der Religion zu fliegen, so würde er rasch in den Sumpf des Aberglaubens stürzen, während er andererseits nur mit dem Flügel der Wissenschaft auch keinen Fortschritt machen, sondern in den hoffnungslosen Morast des Materialismus fallen würde.“

Gelingt es Ihnen, die Prinzipien der Religion auf den Alltag anzuwenden?
Ich wage zu behaupten, dass es mir immer mal wieder gelingt, die Baha’i-Prinzipien in meinem Alltag ansatzweise zu leben. Gleichzeitig stolpere ich täglich. Manchmal kann ich mich auffangen und andere Male lande ich hart auf dem Boden. Entsprechend der Baha’i-Gesinnung versuche ich, diese Stolpersteine als Sprungbrett zu nutzen und daraus zu lernen. Baha’u’llah, der Stifter der Baha’i-Religion, sagt: „Lasst jeden Morgen besser sein als den Abend davor und jeden neuen Tag reicher werden als den gestrigen.“ 

Eine sehr konkrete Alltagsethik also. Gibt es eine entsprechende Glaubenspraxis?
Ich lebe meinen Glauben, indem ich bete, meditiere und über spirituelle Themen reflektiere. Zudem lese ich in den Heiligen Schriften und studiere meinen Glauben. Nicht zuletzt nehme ich immer wieder aktiv am Gemeindeleben teil, besuche das 19-Tage-Fest und Baha’i-Feiertage.

Wie begehen Sie die Baha’i-Feiertage?
Wir kennen neun Feiertage, an denen allgemeine Arbeitsruhe gilt. Dazu zählen zum Beispiel das Neujahrsfest (Naw Ruz), die Geburt, Verkündigung und das Hinscheiden Baha’u’llahs. Die Baha’i-Gemeinde sowie Familie, Freunde und Bekannte kommen zusammen und begehen den Feiertag gemeinsam. Dieser besteht aus einem ersten, geistig-spirituellen Teil. Er beinhaltet Gebete, die gesprochen und gesungen werden, häufig kombiniert mit Musik. Je nachdem werden die historischen Gegebenheiten des jeweiligen Feiertages geschildert. Im anschliessenden sozialen Teil trinken und essen die .Menschen in der Regel gemeinsam etwas, unterhalten sich und je nach Gemeinde und Region wird musiziert, getanzt oder gespielt.

Sie haben oben das 19-Tage-Fest erwähnt. Was ist darunter zu verstehen?
Das 19-Tage-Fest wird immer am ersten Tag des 19-tägigen Baha’i-Monats, also alle 19 Tage, gefeiert und bildet den Mittelpunkt des Gemeindelebens. Es besteht aus drei Teilen. Zusätzlich zu den beiden oben genannten Teilen, Gebet bzw. Andacht und Soziales, beinhalten die 19-Tage-Feste einen mittleren Teil, der „Beratung“ genannt wird. In diesem Teil berät die Gemeinde alle Gemeindeangelegenheiten, tauscht sich aus, plant und vertieft sich zu bestimmten Themen. So berühren die 19-Tage-Feste alle Aspekte menschlichen Seins, nämlich die Seele mit der Andacht, den Verstand mit der Beratung und das Herz mit der Geselligkeit.

Die Baha’i-Gemeinde ist verhältnismässig klein. Wie wird sie in der Öffentlichkeit wahrgenommen?
Die Baha’i-Gemeinde ist in der Tat vergleichsweise klein und besteht aus gut 6 Millionen Gläubigen weltweit. Sie ist ja auch die jüngste Weltreligion und ist 174 Jahre alt. Meiner Erfahrung nach wird die Baha’i-Religion in der Regel positiv wahrgenommen. Ihre wichtigsten Prinzipien scheinen nachvollziehbar und werden geschätzt. Besonders ihre Friedensbemühungen finden gemeinhin Anerkennung. So hat die Baha’i-Gemeinde bei der UNO seit 1948 beratenden Status und arbeitet permanent mit verschiedenen UNO-Abteilungen zusammen.

Wie reagieren Ihre Mitmenschen, wenn Sie hören, dass Sie eine Baha’i sind?
Es ist nach wie vor so, dass viele Menschen noch nie von „Baha’i“ gehört haben. Das kann Unsicherheiten und Befürchtungen auslösen. Zudem macht uns Menschen häufig etwas, das wir nicht kennen, Angst. Gleichzeitig finde ich es manchmal auch anstrengend, von Grund auf erklären zu müssen, was Baha’i ist und woran wir glauben. Generell ist es ja heute eher uncool, sich aktiv in einer Religionsgemeinschaft zu engagieren.

 

Was unternehmen Sie, damit Ihr Glaube bekannter wird?
Wenn jemand Interesse zeigt, erzähle ich gerne von der Baha’i-Religion und freue mich sehr, wenn sich jemand mit den Lehren Baha’u’llahs auseinandersetzt. Selbstverständlich sind alle eingeladen, an Baha’i-Aktivitäten teilzunehmen, beispielsweise an einer Andacht, einem Studienkreis oder einem Feiertag. Gleichzeitig widerstrebt mir aufdringliches Belehren und Bekehren wollen aufs Äusserste. In diesem Zusammenhang ist für mich das Baha’i-Prinzip der eigenständigen Suche nach Wahrheit zentral. Gemäss diesem soll jeder Mensch unabhängig von anderen mit Verstand und Herz nach Wahrheit forschen. Nicht zuletzt wäre für mich die ideale Art zu Lehren diejenige, selbst den Glauben zu leben und mit seinem Beispiel andere Menschen zu inspirieren.

Wie geben Sie Ihren Kindern den Baha’i-Glauben weiter?
Indem wir täglich beten, die Feiertage begehen und an Gemeindeaktivitäten teilnehmen. Zudem besteht die Weitergabe des Baha’i-Glaubens für mich wesentlich darin, die positiven Anlagen und Fähigkeiten meiner Kinder zu fördern. Die geistige, ethische und wissenschaftliche Erziehung von Kindern ist ein grundlegender Aspekt der Baha’i-Lehren.

Befürchten Sie nicht, dass Ihre Kinder den Minderheitsglauben der Baha’i in der modernen säkularen Welt ablegen werden?
Meine Kinder sollen später selber entscheiden können, ob sie einer Religionsgemeinschaft angehören möchten und welche das sein soll. Denn das Prinzip der eigenständigen Suche nach Wahrheit greift auch bei der Wahl der eigenen Religionszugehörigkeit. Der Glaube der Eltern darf nicht über das Bekenntnis der Kinder entscheiden. Meine Kinder sollen nicht blind meine Überzeugung übernehmen, sondern selbst herausfinden, was für sie stimmt. Soweit die Theorie, die mir gänzlich einleuchtet und meinen Überzeugungen entspricht. Ich hoffe, dass es mir dann tatsächlich gelingt, die Entscheidung meiner Kinder in aller Offenheit anzunehmen und sie auf ihrem Weg bedingungslos zu unterstützen.

Welchen Nutzen kann die Baha'i-Religion in diesen Zeiten von religiös motivierter Gewalt stiften?
Ich denke, die Prinzipien der Baha'i-Religion können in unserer entzweiten Welt vermittelnd und versöhnend wirken. Besonders das Hauptprinzip der Baha'i-Religion, die Einheit Gottes, die Einheit der Religionen und die Einheit der Menschen in all ihrer Vielfalt, vermögen einen Beitrag zu einer friedlicheren Welt zu leisten. Bezüglich der Einheit der Menschen sagte Baha’u’llah: „Es rühme sich nicht, wer sein Vaterland liebt, sondern wer die ganze Welt liebt. Die Erde ist nur ein Land, und alle Menschen sind seine Bürger.“ In einer Welt, in welcher diese Worte in die Tat umgesetzt werden, möchte ich sehr gerne leben.

Dann gibt es im Grunde nur eine Religion?
Ja, das bringt das Prinzip der Einheit der Religionen auf den Punkt. Denn die Einheit Gottes meint, dass es nur einen Gott gibt, der in den verschiedenen Religionen und Kulturen unterschiedlich genannt wird, wie beispielsweise Allah, Jahweh oder Brahma. So stammen gemäss der Einheit der Religionen alle Religionen von derselben göttlichen Quelle ab und verfolgen denselben Zweck. Dieser besteht darin, den Menschen den Zugang zum Göttlichen und damit zu Spiritualität zu ermöglichen, ihnen Orientierung zu bieten und Frieden zwischen den Menschen zu stiften. Entsprechend bestehen alle Religionen aus demselben geistigen, unveränderlichen Kern und verkünden dieselben Grundwahrheiten. So erstaunt es nicht, dass die Goldene Regel, gemäss welcher man andere so behandeln sollte, wie man selber behandelt werden möchte, in allen Religionen dieselbe ist, lediglich unterschiedlich formuliert.
In der Form sind die Religionen jedoch verschieden und so verfügen sie über orts- und zeitabhängige Verordnungen und Gesetze bezüglich Kalender, Fasten oder die Form des Gebetes.

Sind denn auch alle Religionen gleichwertig?
Entsprechend der Einheit der Religionen anerkennt Baha’u’llah alle vorangegangenen Religionsstifter wie Moses, Krishna, Zarathustra, Buddha, Christus, Muhammed und Bab als mit sich gleichwertig. Baha’u’llah schrieb: „Gott, der Schöpfer, spricht: Es gibt keinerlei Unterschied zwischen den Trägern meiner Botschaft. Sie alle haben nur ein Ziel, ihr Geheimnis ist das gleiche.“ Baha’u’llah reiht sich also ein in eine nie endende Kette aufeinanderfolgender Religionen und sieht sich dabei als Träger der Botschaft Gottes für die heutige Zeit. Danach wird gemäss den Erfordernissen der Zeit ein neuer Religionsstifter oder eine neue Religionsstifterin erscheinen. Als Folge der Einheit der Religionen sollen die Baha’i mit den Menschen aller Religionen in einem Geist herzlicher Verbundenheit und Eintracht verkehren. Baha’u’llah schrieb: „O ihr Menschenkinder! Der Hauptzweck, der den Glauben Gottes und Seine Religion beseelt, ist, das Wohl des Menschengeschlechts zu sichern, seine Einheit zu fördern und den Geist der Liebe und Verbundenheit unter den Menschen zu pflegen. Lasst sie nicht zur Quelle der Uneinigkeit und der Zwietracht, des Hasses und der Feindschaft werden.“ Die Baha’i-Lehren gehen gar so weit, dass es heisst, wenn die Religion zu Streit und Entzweiung führe, sei es besser, keine Religion zu haben. "Die Religion sollte alle Herzen vereinen und Krieg und Streitigkeiten auf der Erde vergehen lassen, Geistigkeit hervorrufen und jedem Herzen Licht und Leben bringen. Wenn die Religion zur Ursache von Abneigung, Hass und Spaltung wird, so wäre es besser, ohne sie zu sein, und sich von einer solchen Religion zurückzuziehen, wäre ein wahrhaft religiöser Schritt."

Welchen Stellenwert hat für Sie als Baha’i der interreligiöse Dialog?
Der Dialog mit anderen Religionen ist für mich auf Grund der Prinzipien Einheit der Religionen und Einheit der Menschheit essentiell. Dabei geht es um mehr als um gegenseitige Toleranz. Es geht um wirklichen Austausch, echtes Interesse und Zuhören, es geht um voneinander und miteinander lernen. Ich möchte den Fokus auf die zahlreichen Gemeinsamkeiten aller Religionen legen, ohne Negieren der bestehenden Unterschiede. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass, wenn diese Art von interreligiösem Dialog gelingt, ein Gefühl echter Verbundenheit entsteht, welches sich nicht nur wunderbar anfühlt, sondern die Welt ein Stück besser macht.

Sie sagten eingangs, dass Ihnen das Prinzip der Gleichwertigkeit von Frau und Mann besonders am Herzen liege. Wie steht es um die Rolle der Frau bei den Baha’i?
Die Baha’i setzen sich ein für die soziale Gleichstellung der Frau und initiieren oder unterstützen zahlreiche Projekte, welche diesem Zweck dienen. Dabei bedeutet Gleichberechtigung nicht, dass Frauen und Männer in allen Lebensbereichen dieselben Funktionen wahrnehmen müssen. Sie müssen jedoch dieselben Rechte, Chancen und Möglichkeiten haben.

Die grundsätzliche Gleichstellung wird bei uns kaum in Frage gestellt. Schwieriger wird es, wenn es konkret wird. Beobachten Sie das auch bei den Baha’i?
In der Tat. Trotz der weltweiten Bemühungen und Initiativen für die Gleichstellung der Geschlechter denke ich, dass die von Baha’u’llah gelehrte Gleichwertigkeit von Frau und Mann mit all ihren Implikationen bei uns Baha’i, wie in unserer Gesellschaft generell, erst ansatzweise verstanden wird. Ein wirkliches und umfassendes Bewusstsein für die Gleichstellung der Geschlechter gilt es erst noch zu entwickeln. Nach Jahrhunderten der Abwertung und Unterdrückung der Frauen benötigt es Zeit, bis die Männer ihre Verantwortung bei der Kindererziehung wirklich und umfassend wahrnehmen, bis die Pflichten und Verantwortungen des Alltags wirklich gerecht verteilt sind und bis typischerweise als weiblich assoziierte Eigenschaften nicht mehr als weniger wichtig und wertvoll erachtet werden. Insofern ist meiner Meinung nach die Gleichberechtigung von Frau und Mann bei den Baha’i noch nicht vollständig verwirklicht – was im Übrigen für alle Baha’i-Prinzipien gilt. Denn als Menschen sind wir unvollkommen und die Baha’i-Prinzipien gänzlich zu verstehen und umzusetzen ist ein nie endender Prozess.


Die Baha’i weltweit

us. Die Baha’i-Religion ist die jüngste Weltreligion. Sie wurde von Bahá’u’lláh (1817–1892) gegründet und verfügt über eigene heilige Schriften, Prinzipien und Gebote. Das grundlegendste Prinzip ist die Einheit Gottes, der Religionen und der Menschheit. Erklärtes Ziel ist, weltweit die Einheit der Menschheit in ihrer ganzen Vielfalt zu verwirklichen.

Die Gemeindeordnung der Bahá’i kennt keinen Klerus. Sie beruht auf demokratisch gewählten Institutionen auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene. Sitz des obersten Rates («Universales Haus der Gerechtigkeit») ist Haifa in Israel.

Weltweit gehören etwa 6 Millionen Menschen in rund 200 Ländern dem Baha’i-Glauben an. In der Schweiz leben über 1000 Gläubige.

www.bahai.ch

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