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"Ich habe den Mai 68 verschlafen"

25. Juni 2018 Von: Georges Scherrer, kath.ch

Der Luzerner Andreas Heggli war der erste «Pastoralassistent» der Schweiz und somit ein Pionier in diesem Bereich. Vor fünfzig Jahren trat er sein Amt an – ohne Beauftragung durch den Bischof. Auch heute setzt er sich für eine offene Kirche ein.

Im Mai 68, als in Paris die Studierenden auf die Strasse gingen, trat Andreas Heggli in Luzern seine Stelle als "Pfarrei-Helfer" an. Heute spricht man von einem Pastoralassistenten. Heggli betrat Neuland, denn er war in der Schweiz der Erste, der diese Aufgabe wahrnahm.

Es war ein Sprung ins kalte Wasser. Darum sagt er: "Den politischen Mai 68 habe ich verschlafen, obwohl ich politisch sehr interessiert bin." Die neue Arbeit habe ihn derart gefordert, dass er den Revolten, die zu jener Zeit Mitteleuropa erschütterten, seine Aufmerksamkeit nicht auch noch schenken konnte.

Als Student in Tübingen hat er jedoch die Schwingungen, die zu den Studentenprotesten führten, hautnah aufgenommen. Heggli spricht von den Demonstrationen gegen den Schah von Persien.

Und auch von den Attentaten auf die Wortführer der Studentenbewegung in Deutschland, Rudi Dutschke und Benno Ohnesorg, die für Empörung an den Universitäten sorgten. "Im Rückblick ist der Mai 68 zur magischen Zahl geworden", erklärt Andreas Heggli. Die Proteste haben aber nachhaltige Umbrüche ausgelöst.

Und der Theologe ergänzt: "Auch das Konzil ist nicht vom Himmel gefallen." Die Schwingungen, welche die Kirche zum Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) führten, waren lange schon spürbar. Schon seit den 1920er Jahren bemühten sich Theologen um neue wissenschaftliche Methoden bei der Auslegung des Evangeliums und gerieten dadurch mit dem Vatikan in Konflikt. Andreas Heggli weist auf die Enzyklika Divino afflante Spiritu hin, die Papst Pius XII. im Jahr 1943 veröffentlichte und "die dann endlich den Weg für die neue Exegese ebnete".

Mutige Pfarrer in Luzern

Auf Tuchfühlung mit den Aufbrüchen in der Kirche war Andreas Heggli bereits früher in Luzern. Er wuchs, 1943 geboren, im Umfeld von Theologen wie Hans Küng und Franz Xaver Schwander auf, die als Vikare in seiner Pfarrei wirkten. "Das war eine Crew, die innerhalb der Möglichkeiten viel Neues versuchte", erinnert sich Heggli.

Seinen Einsatz als erster Pastoralassistent verdankte der junge Theologe einigen "mutigen Pfarrern" in Luzern sowie der dortigen Kirchgemeinde, die für seinen Lohn aufkam. Er war katechetisch tätig, predigte und leistete Jugendarbeit und Erwachsenenbildung. "Man hat dieses neue Berufsbild laufend erfunden" – für ihn und das halbe Dutzend weiterer Pastoralassistenten, die kurz nach ihm in Luzern tätig wurden.

Nach fünf Jahren das Aus

Er bekam das Amt, ohne dass das Ordinariat in Solothurn angefragt worden war. Er verfügte darum nicht über die bischöfliche "Missio canonica", die heute unabdingbar ist, wenn jemand als Pastoralassistentin oder Pastoralassistent wirken will. Der für ihn zuständige Pfarrer Franz Xaver Schwander war der Ansicht, dass das 1965 beendete Konzil den Weg für einen neuen Akzent in der Seelsorge öffnete: Neben Priestern sollten auch Verheiratete Menschen begleiten. Das war damals ein Novum.

Der "erste Pastoralassistent der Schweiz" quittierte nach fünf Jahren seinen Dienst, dies vor allem, weil ihm für diese wichtige Aufgabe eine spezifische Ausbildung fehlte, wie er heute sagt. Er erteilte Religionsunterricht, hatte aber in seinem Theologiestudium nie etwas von Pädagogik gehört. Heute geniessen Pastoralassistenten eine fundierte Vorbereitung auf ihre Aufgabe.

 "Mir fehlte didaktisches Knowhow und das belastete mich immer stärker", resümiert Heggli. Er beschloss, das Diplom als Erwachsenenbildner zu machen und übernahm anschliessend verschiedene Anstellungen in der Kirche, beim Fernsehen, in der Missionsgesellschaft Immensee und leitet dann mehr als 25 Jahre den Kursbereich im Romero-Haus Luzern.

Was vom Konzil geblieben ist

Er lebte in einer Kirche, die "voller Erwartungen war. Diese nahmen aber laufend ab." Die Päpste Johannes Paul II. und Benedikt XV. "hatten 35 Jahre lang Angst vor der Welt und gaben Gegensteuer".

Geblieben sind vom Konzil trotzdem die Volkssprache in der Liturgie und die Einbettung der Laien in die Seelsorge. Heggli verweist weiter auf die vom Konzil beschlossene Gewissensfreiheit in der Kirche. Das Konzil bestimmte, dass sich "die Kraft der Wahrheit durchsetzt und nicht jene der Autorität. Wer anders denkt, verdient ebenfalls Achtung und darf nicht diskriminiert werden. Immer wieder versuchen heute Kräfte in der Kirche, dieses Recht einzuschränken", warnt der Theologe.

Menschenrechte in der Kirche

Heggli zieht Bilanz. Mit der Enzyklika Humanae Vitae von Papst Paul VI. habe sich die Kirche grobfahrlässig aus der Zivilgesellschaft verabschiedet und so an Renommee und Mitsprachemöglichkeiten verloren. Wenn es um die Weitergabe und den Schutz des Lebens gehe, werde die Kirche deshalb nicht mehr ernst genommen.

Dem Kirchenrecht fehle eine Verfassung, in welcher die Grundrechte festgeschrieben sind und wo menschenrechtliche Verfahren innerhalb der Kirche abgesichert werden. "Das vermissen wir nach wie vor, das macht uns in der modernen Welt unglaubwürdig."

Weitergabe des Glaubens?

Mit der sinkenden Zahl der Gottesdienstbesucher könne die Kirche leben, den Kirche sei ja viel mehr als Gottesdienst. Dramatisch sei aber die Situation bei der Weitergabe des Glaubens. "Das Kirchengefühl wird nicht mehr an die nächste Generation weitergeben. Und dann?" Das bereitet dem ehemaligen Pastoralassistenten grosse Sorge.

Die Säkularisierung könne eine Chance für die Kirche sein, sagt er. Die Kirche könne in der Gesellschaft zeigen, dass sie nicht Selbstzweck ist, sondern sich für das Zusammenleben der Menschen einsetzt und für ein "gutes Leben für alle", also für das, was die Bibel "Reich Gottes" nennt.

Heggli wurde 2003 nebenamtlich Geschäftsführer der "Herbert Haag Stiftung für Freiheit in der Kirche". Dieses Amt hatte er bis im August 2017 inne. In dieser Zeit lernte er Theologen und Organisationen kennen, die wegen ihres Einsatzes für eine freiheitliche, zukunfts- und gesellschaftsoffene Kirche ausgezeichnet und zum Teil deswegen von der Hierarchie abgestraft wurden. Die Stiftung ist auch in der Vernetzung von Reformorganisationen tätig, in der Schweiz zum Beispiel von Allianz "Es reicht!".

Neue Aufbrüche: Frauen und "geeignete Leute"

Vor fünfzig Jahren war Heggli selber ein "freies Experiment", das Früchte trug. In der Kirche Schweiz sind Pastoralassistentinnen und Pastoralassistenten nicht mehr weg zu denken. Danach gefragt, welches heutige Experiment in der Kirche langfristig Früchte tragen wird, überlegt Heggli nicht lange.

Die Frauen müssten einen besseren Platz in der Kirche finden. "Das ist eine Überlebensfrage der Kirche." Wenn die Kirche die Frauen "nicht relativ schnell überall gleichberechtigt behandelt, wird dies für den Platz der Kirche in der Gesellschaft den gleichen negativen Effekt haben, den Humanae vitae bewirkte." Ein "Männerclub" interessiere heute niemanden mehr.

Heggli verweist weiter auf den emeritierten Erzbischof von Poitiers, Albert Rouet. Dieser beauftragte nicht nur Theologinnen und Theologen, um eine Pfarrei zu führen, sondern ganz einfach "geeignete Leute". Damit konnte er dem Seelsorgerschwund entgegenwirken. Die Beauftragung wird jeweils nicht auf Lebzeiten ausgesprochen. So kann sich kein neues "klerikales Amt" in einer Pfarrei herausbilden.

Zurück zur biblischen Praxis

Bleibt in dem Fall die Frage nach der Feier der Eucharistie, wenn kein Priester mehr vor Ort ist. Andreas Heggli sieht eine Lösung ausserhalb des "abstrakten Priestertums" und beruft sich auf ein Wort Jesu: "Dort, wo drei in meinem Namen zusammen sind, bin ich mitten unter ihnen."

Sakramente dürften nicht als "magische Handlungen" verstanden werden, die nur durch einen "Guru oder Medizinmann ausgeführt werden können, vielmehr gehören sie in die Verantwortung der Gemeinde". Die Eucharistie nennt Heggli "das Mahl der Gemeinde", das in Erinnerung an die Lebenspraxis Jesu gefeiert wird. Das sei keine "protestantische", sondern eine "biblische Praxis", betont er zum Abschluss des Gesprächs.

Georges Scherrer, kath.ch

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