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Schaufenster

Jesus

Nachlese

15. Februar 2021 Von: Gudrun Dötsch

Unter diesem Titel veröffentlichen wir hier jeweils die Predigt des vergangenen Sonntags.

Predigtgedanken von Gudrun Dötsch
am 14. Februar 2021 in St. Maria, Luzern

6. Sonntag im Jahreskreis, Jahr B

Evangelium nach Markus Kapitel 1 Verse 40-45

Den Bibeltext mit Predigtgedanken zum Herunterladen finden Sie unten als PDF.

Predigtgedanken

Liebe Pfarreiangehörige, liebe Gäste, liebe Mitchristinnen und Mitchristen

Ausgestossen damals

Was berührt uns wirklich? Was geht uns unter die Haut? Was beeindruckt uns so, dass wir die normalen Abläufe unseres Alltags unterbrechen und uns der Not eines Menschen, dem wir zufällig begegnen, zuwenden?

Das heutige Evangelium erzählt von einer solchen Situation, wir hörten, wie Jesus von einen Kranken um Hilfe gebeten wurde und berührt wurde von seiner Not und seinem Leiden. „Jesus hatte Mitleid mit ihm“, heißt es im Evangelium (Mk 1,41).

Wenn wir das ernst nehmen, was wir heute im Evangelium hören, wissen wir, was Gott unter die Haut geht: die Not der Menschen, ihre Krankheit  und ihre Hoffnung auf Hilfe.

In der Lesung aus dem Buch Levitikus haben wir vorhin gehört, wie ein Aussätziger zu einem Ausgestossenen wird. Wie man mit ihm umgehen soll, und wie er sich gegenüber anderen zu verhalten hat. Sicher, es geht um den Schutz vor Ansteckung und um Hygiene. Zerrissene Kleidung soll er tragen, so wie jede Beziehung zu anderen Menschen durch die ansteckende Krankheit zerrissen ist, das Haar ungepflegt, den Bart verhüllt, abstossend soll er sich zeigen! „Unrein! Unrein!“, muss der Kranke rufen, und damit schon von weitem vor einem möglichen Kontakt mit ihm warnen.

Eine solche Elendsgestalt begegnet jetzt Jesus. Sein Elend geht Jesus unter die Haut. Das Wunder dieser Begegnung ist, dass Jesus Mitleid mit dem Aussätzigen hat, sich innerlich berühren lässt von dem, der ihn um Hilfe bittet. Diese Begegnung führt dazu, dass der Aussätzige wieder an sich selbst glauben lernt und an sein Daseins-Recht und Lebens-Recht in seinem sozialen Netz.

Heilend wirksam sein

Wir brauchen keine grosse  Fantasie um eine Parallele  zu sehen zwischen dem Kranken in den alten Texten und der Corona-Pan-demie! Abstand, keine Berührung, keine Umarmung, räumliche Distanz.

Wie verhält sich Jesus? Er hatte Mitleid – er nimmt diesen Menschen mit allen Sinnen, nicht nur mit Ohr und Auge wahr. Deshalb wäre es schöner  zu sagen: Er fühlte Mitleid. Jesus streckt die Hand aus, berührt den Kranken und sagt: „Ich will es: Werde rein!“ Jesus streckt die Hand aus, so entsteht Nähe. Durch diese Geste zeigt Jesus zu dem Kranken: „Ich bin in deiner Nähe. Ich schenke dir meine Aufmerksamkeit und Zuwendung.“

Corona zwingt uns zwar zu räumlicher Distanz, wir verzichten auf Reisen und schränken freiwillig unseren Radius und unsere Bewegungsfreiheit ein. Aber das zwingt uns nicht zu sozialer Distanz. „Ich strecke meine Hand nach dir aus, kann dich zwar nicht besuchen, aber ich greife zum Telefon, rufe dich da und wir können uns hören, reden, lachen, erzählen.“

Weil du mir wichtig bist! Berühren - das kann auch ein Herz sein, das berührt wird. Berühren werden heisst doch, Anteil nehmen, Mitleid oder Mitfreude empfinden. „Ich verstehe dich. Ich verstehe, dass es dir schwerfällt, allein zu sein, keinen Besuch zu empfangen oder auszugehen. Ich verstehe, dass du Angst hast vor Ansteckung! Oder ich verstehe, dass es schwierig ist, dich wochenlang in Geduld zu üben, bis du wieder ganz gesund bist. Ja, und die Angst, dass es nicht wieder ganz so wird wie vorher und wie lange das noch anhalten wird, klar, das verstehe ich unbedingt.“

Und das wäre das dritte, wenn wir es so machen, wie Jesus auf den Kranken zugegangen ist, zu sagen: „Ich wünsche dir! ... Ich wünsche dir, dass du deiner inneren Kraft traust. Ich wünsche dir gute Genesung! Ich wünsche dir, dass du dir nicht zu viel Sorgen und Angst machst.“

Es gibt viele Gründe, warum Menschen aus der Gemeinschaft ausgeschlossen oder ausgestossen werden. Erst eine oder zwei Generationen ist es her, da konnte eine Familie „aussätzig“ sein, weil sie reformiert war in einer überwiegend von Katholiken bewohnten Gegend wie dem Kanton Luzern.

Ausgestossen heute

Neu erschienen ist ein Buch mit dem Titel „Interniert. Polnisch-Schweizerische Familiengeschichten“. Der Buchdeckel ist das Flugblatt ganz in nicht zu übersehendem Orange: „Befehl über die Beziehungen der Zivilbevölkerung zu den Internierten“. Vor 80 Jahren, d.h. unsere Eltern und Grosseltern können sich erinnern, wurden 12‘500 polnische Soldaten in der Schweiz interniert. Kontakt zu der Schweizer Bevölkerung war untersagt. Aber durch die Arbeit vor allem auf den Bauernhöfen ergab sich doch unvermeidlich Kontakt. Für alles, für jeden Ausgang, brauchten die polnischen Männer eine Bewilligung, vor allen von den Frauen sollten sie sich fernhalten – die sich allerdings nicht immun zeigten gegenüber der Galanterie und Höflichkeit der Fremden. Polnisch-schweizerische Ehen wurden zwar geschlossen, aber zur Abschreckung mit Bürokratie mehr als nur überladen. Zudem verloren die Schweizer Frauen mit der Heirat das Schweizer Bürgerrecht. Das Buch ist mehrheitlich von den Kindern dieser polnisch-schweizerischen Familien verfasst, die gerade in der Nachkriegszeit zu spüren bekamen, dass sie nicht dazu gehören. Das alles ist noch nicht so lange her! Die Geschichte prägt die Familien nachhaltig. Ihre Geschichten sind auch Teil unseres Landes. Geschichte ist mehr als nur Jahreszahlen, sondern die Lebensgeschichten der Menschen, die sich hier ereignen oder ereignet haben.

Die Geschichte der Polnischen Internierten ist eine Geschichte von Ausgrenzung, nicht berührt werden, ausgeschlossen sein, nicht willkommen zu sein. Die Aufarbeitung dieses Ausschnitts der Geschichte der Schweiz brauchte acht Jahrzehnte dazwischen.

Warum braucht Aufarbeitung so lange? Es hat verletzt, als Polacke, Russe oder dahergelaufenes Gesindel beschimpft, gemieden und ausgegrenzt zu werden. Wie soll man eine neue Identität am neuen Lebensort aufbauen, wenn man nicht willkommen ist hier und Heimweh hat nach dem dort. Die Betroffenen schwiegen, öffneten sich allenfalls spät und nur spärlich und oft nur ihren Angehörigen gegenüber.

Wie gelingt Integration? Es geht um den Pass, die Sprache, Wohn- und Arbeitsbewilligung. Was nicht übersehen werden darf ist die Trauer, Traumatisierung, der Schmerz des Erlittenen. Vielleicht ist heute jemand hier, der diese Erfahrung in der Familiengeschichte eingeschrieben hat und bestätigen könnte: „Wir haben uns in allem angepasst, an die sichtbare Oberfläche der Gesellschaft. Aber die Erinnerung an Flucht, Verlust der Heimat, Entbehrungen, Entwurzelung und das Wissen, dass nichts in diesem Leben sicher ist, bleibt als Familienwissen immer noch präsent.“ Die eigene Familiengeschichte kann stärken oder blockieren.

Die Heilungsgeschichte des Evangeliums scheint mir eine Richtung zu weisen, wie auch heute unheile, unheilvolle Geschichten, alte und frische Wunden geheilt werden können: Durch ein Gegenüber, das sich interessiert, die Hand ausstreckt – sich berühren lässt und ein Wort des Trostes und der Ermutigung findet! Jemand, der von Hoffnung spricht in die Angst hinein. – Sei es eine persönliche Not oder in die Ungewissheit in Corona-Zeiten.

Gut, dass Jesus uns gezeigt hat, was uns unter die Haut gehen soll und wie wir uns von der Not eines Menschen berühren lassen sollen und wie wir sie/ihn durch die offene Begegnung mit ihnen wieder zurück in unsere Gemeinschaft und zu ihrer eigenen Kraft zurückbringen können.

Mein Gott, das bin ja ich

Wir müssen sensibel sein – und das scheint mir der Kern des heutigen Evangeliums –, wenn Menschen ausgegrenzt werden oder sich hilflos und ausgeliefert fühlen. Sei der Grund eine gefährliche Krankheit, ein anderes Aussehen oder irgendetwas, was abschreckt und zurückweichen lässt. 

Das wäre der Moment – wenn auch nur als innerlichen Ablauf – mich selbst vor die Aufgabe zu stellen: Ich strecke die Hand aus – ich möchte verstehen, wer und warum du so bist – und ich möchte, dass du dich wohl und aufgehoben fühlst. – Denn es könnte ja auch rumgedreht sein und ich übe mich ein mit dem Gedanken: Das bin ja ich!

Die Geschichte  wird so erzählt:

Meine Mutter spielte früher ein Spiel mit mir, das hiess: Aber um Gottes Willen, das bin ja ich! Es geschah alles eines Tages als ich acht oder neun Jahre alt war. Ich erinnere mich nicht mehr genau daran, aber ich erinnere mich deutlich, dass Mutter und ich an einem sehr schönen Nachmittag die Strasse entlanggingen. Es geschah ganz plötzlich, dass ich mich vor Lachen ausschütteln wollte, und als Mutter mich fragte, was denn so komisch sei, zeigte ich auf eine sehr, sehr, sehr dicke Dame, die wie eine Ente gerade vor uns herwatschelte. Jäh, wie vom Blitz getroffen, blieb Mutter stehen. Sie liess meine Hand los. Sie lächelte nicht, und ihre ersten Worte, die ich nicht verstand, klangen unwillig. Dann beugte sie sich nieder, bis unsere Gesichter ganz nahe beieinander waren, und sagte: „Aber um Gottes Willen, das bin ja ich! Kannst du das sagen, mein Kind?“ Ich wiederholte es, aber ich begriff nicht, was es bedeutete. Da sagte Mutter: „ Wir wollen uns ein Spiel daraus machen: Jedes Mal, wenn du jemand siehst, der zu dick oder zu dünn ist, schieläugig oder krummbeinig, launisch oder entstellt oder nicht hübsch, der nicht gut lernen kann oder irgendein Spiel nicht kann – so stelle dir vor, dass du in seiner Haut steckst und er in deiner.“ Das gefiel mir. Und ich spielte dieses Spiel immer wieder und übte es von Jahr zu Jahr: „Aber um Gottes Willen, das bin ja ich!“ (Hoffsümmer: Kurzgeschichten 2, Nr.119)

Ermutigung

Ich soll ihnen zur Ermutigung noch eine Botschaft mitbringen von einem Freud, der im Januar mit dem Motorrad einen Sturz hatte und sich mehrere Brüche zugezogen hat. Er schilderte mir den Unfall und bat mich: „Sag den Leuten: Die Menschen haben das Gute nicht verloren. Auch nicht in dieser schwierigen Zeit mit Corona! Die Aufmerksamkeit und die Hilfsbereitschaft waren enorm. Da war nicht nur eine Person, sondern mindestens drei Parteien, keiner dabei, der weggeguckt hat – und sie hätten ja alle ein Geschäft zu erledigen gehabt. Es war der Samstag vor dem Lockdown, da wollten alle noch einkaufen, verstehst?! Und dann ist da noch so ein blöder Unfall da. Und dann kümmern sie sich ECHT um dich. Decken, ein Schlafsack, eine Jacke. Als eine Zeit später die Ambulanz kam. meinten die: „Bleiben sie liegen. Und zu den Helfern: Sie haben perfekt gelagert.“ „Ich“ – so der Freund- „würde mich so gerne bei den Helfern und Helferinnen bedanken, aber ich hab leider keine Namen!“

Die Helfer haben spontan gehandelt. Ob sie auch den Gedanken hatten: „Mein Gott, das bin ja ich“ – gut möglich! Und sogar: „Mein Gott – das bist ja du, der mich in diesem Menschen genau jetzt braucht.“

Corona ist eine grosse Herausforderung an uns alle, weltweit! Aber auch eine Krise oder ein Notfall, wie es mein Freund beschrieben hat, kann das Gute im Menschen herauslocken. Vielleicht haben sie bemerkt, dass die wenigen Fussgänger in der Stadt sich neuerdings gerne grüssen mit einen Wort oder einem Zunicken. Es liegt auch in unserer Hand, was wir aus der Pandemie machen: Resignation und Angst wachsen lassen oder der Zukunft und uns selbst und unseren Mitmenschen Gutes zutrauen.

Sie haben sich ja eine Rheinländerin als Pfarreileiterin eingefangen, deshalb kann es so ganz ohne einen fastnächtlichen Spass und Reim nicht gehen:

Leben und Lieben
Warten und hoffen
Wachen und Schlafen
– das ist alles wie ein sicherer Hafen.

Überlasse Gott all deinen Kummer und die Sorgen,
er wird sich kümmern um dein, mein, unser Morgen.
Mit gutem und frohem Mut
– ob Christ oder einfach Mensch –
Es wird, du wirst sehn, alles gut!

Wir schauen und sorgen füreinander
Kann die Welt sein, wie sie will –
und noch so durcheinander.
Wir leben stark, froh und vom Geist erfüllt,
das ist es, was es heute braucht und was es gilt.

Solche Freude, frohe Fasnacht – sei’s drum daheim und in der Stube,
was wir brauchen ist Geduld und ausharren in Ruhe.
Keine Angst und voll von Liebe,
das sei es, worin jeder Christenmensch sich übe!

Die Freude am Hier und jetzt und am Leben,
Gesundheit und Krankheit, was immer es wird geben
Wir halten zusammen mit Herz und mit Seele,
da und parat, mitten im Sein, im hier und jetzt: Tu’s einfach: LEBE!

Gudrun Dötsch
Pfarreileiterin und Rheinländerin

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