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Schaufenster

Michael Blum, Pfingsten (Apostelgeschichte 2)

Nachlese

25. Mai 2021 Von: Gudrun Dötsch

Unter diesem Titel veröffentlichen wir hier jeweils die Predigt des vergangenen Sonntags.

Predigtgedanken von Gudrun Dötsch am 13. Mai 2021 in St. Maria, Luzern

Pfingsten, Jahr B

Evangelium nach Johannes Kapitel 20 Verse 19-23

Glauben vor der Öffentlichkeit

Aus Angst und Furcht verstecken sich die Jünger und Jüngerinnen nach den Wirren um Sterben, Tod und Auferstehung Jesu und schotten sich von der Umwelt ab. Da erscheint Jesus in ihrer Mitte, sendet sie aus und spricht ihnen zu: Empfangt den Heiligen Geist.

Die Jünger und Jüngerinnen hatten sich getroffen, um miteinander das Schawout, ein Erntedankfest zu feiern. Jerusalem war damals einen Multi-Kulti-Stadt, zu vergleichen vielleicht mit dem heutigen New York … Die jüdischen Bewohnerinnen und Bewohner waren eine Gruppe unter vielen in der bunten Vielfalt. Und schon sind wir bei heute: Die Christen und Christinnen sind eine bunte Gruppe in der grossen Vielfalt der Andersgläubigen, Agnostikern, Atheistinnen …

Aus Angst vor Verfolgung hielten sich die Jüngerinnen und Jünger damals versteckt. Und auch heute ist die Gruppe der Christenheit zahlenmässig die Glaubensgemeinschaft, die weltweit betrachtet am meisten unter Verfolgung zu leiden hat.

In der Stadt Luzern ist die Zahl der Katholiken und Katholikinnen seit 1970 von rund 53.000 auf 30.000 zurückgegangen. Die Kirchenaustritte geben uns zu denken. Die Tatsache, dass wir hier heute zusammen sind, um zu beten und Gottesdienst zu feiern, ist ja bereits ein Glaubensbekenntnis. So auch die Sänger und Sängerinnen des Franziskanerchores, die heute hätten singen und den Gottesdienst mitgestalten wollen. Sie investieren jede Woche einen ganzen Abend – das ist auch ein Bekenntnis. Weiter die vielen Freiwilligen aller Altersstufen, die in unserer Pfarrei mitmachen, auch sie legen mit ihrem Engagement ein Zeugnis ab. Das braucht heutzutage schon etwas Mut, sich offen als Mitglied der röm.-kath. Kirche zu outen.

Deshalb: Wie schlimm ist es, Menschen vor der Kirchentüre abweisen zu müssen! Die Beschränkung der Teilnehmerzahl in diesen Zeiten wird nicht von allen gutgeheissen und verstanden. Diejenigen, die an unseren Türen in den letzten Monaten den Einlass regulierten, mussten auf die unterschiedlichsten Reaktionen gefasst sein: von Verständnis bis zu Unverständnis, sogar Aggression und Drohungen. Unsere Streaming-Gottesdienste werden dankbar gelobt. Ist das doch eine Möglichkeit von daheim aus teilzunehmen. Aber die Zahl derjenigen, denen etwas Wesentliches fehlt, wenn sie nicht am Gottesdienst teilnehmen können, geht zurück.

Woran sind Glaube und Zugehörigkeit messbar

Da stelle ich die Frage: Ist der Gottesdienstbesuch die richtige Masseinheit, um Glauben an Gott festzustellen? Allein die grossen Auflagen und die Bücher, die zu Bestsellern werden, zeigen, dass viele Menschen sich mit Glaubensfragen, Sinnsuche, Meditation, philosophischen Themen und anderen Lebensfragen beschäftigen – auch wenn diese Menschen den gemeinsam gefeierten Glauben im Gottesdienst nicht für sich und ihren Glauben suchen oder brauchen.

Aus Alt mach Neu                                 

Die Kirchen halten an den alten Bildern und Traditionen fest. Auf die ablehnende Antwort der Glaubenskongregation auf die Anfrage der deutschen Bischofskonferenz, gleichgeschlechtliche Paare zu segnen, hatten viele nur noch ein Kopfschütteln übrig. Zu müde und abgelöscht sind viele, als dass die Meinung der Glaubenskongregation einen Aufschrei ausgelöst hätte. Pfingsten ist aber geradezu eine Aufforderung, dem Geist Gottes etwas zuzutrauen und Neues wachsen zu lassen. Abt Werlen ermutigt ausdrücklich in seinem Buch ZU SPÄT, Abgestorbenes loszulassen und die Aufmerksamkeit auf neue Pflänzchen zu richten. Ganz ähnlich kommt Erick Flügge in seinem Buch EINE KIRCHE FÜR VIELE – STATT HEILIGEM REST zu dem Schluss: Die Kirche in Europa ist Matsch! Und mit einer Anspielung auf das Gleichnis des verlorenen Sohnes: Das Erbe ist verprasst! Kein Nachwuchs, schwindende Ressourcen und ein Mangel an gelebtem Glauben. Eine Hauptursache für die Krise ist der Vertrauensverlust der Gläubigen in die Institution. Damit hat die Kirche das gleiche Problem wie politische Parteien oder andere Institutionen, die ihr Ansehen eingebüsst haben.

Es gibt rückblickend in der Geschichte für viele Bewegungen den richtigen Zeitpunkt:

     

  1. Es gab eine Blütezeit des klösterlichen Lebens, weil die Menschen auf der Suche nach Alternativen waren. Heute sterben die Klöster vielleicht aus. Dafür wächst die Zahl der Singelhaushalte als Folge von Scheidung oder Trennung oder weil durch berufliche Mobilität eine dauerhafte, enge Beziehung ausgeschlossen ist. Deshalb wäre heute die Frage zu stellen: Welches spirituelle Angebot wäre für die vielen Alleinstehenden hilfreich, die punktuellen und spirituellen Austausch suchen.
  2. Die Zeit war reif, nachdem man leidvolle Erfahrungen machen musste: Luther war ein Kind seiner Zeit mit seinem Ruf für den freien Christenmenschen gegen die Angst vor Teufel und Fegefeuer, mit dem die Gläubigen in Angst und Schrecken gehalten wurden. Die Zeit ist auch heute überreif, mit dem überkommenen moralischen Anspruch aufzuräumen, der nur den Blick auf Ehepaare nimmt und dabei die vielen bunten Lebensformen in unserer Gesellschaft übersieht.
  3. Es gab vor 800 Jahren eine Armutsbewegung als Reaktion gegen übertriebenen Luxus auf Kosten der Armen: Das Lebenszeugnis von Franz von Assisi und Elisabeth von Thüringen wirkt und begeistert bis heute. Es ist sicher auch ein Zeichen für unsere Zeit, dass viele der jungen Generation nach neuen Werten suchen und bewusst leben und konsumieren wollen. Es ist uns allen bewusst, dass Ressourcen begrenzt und kostbar sind: Saubere Luft, klares Wasser, nicht erneuerbare Energien … Und dass wir nicht ewig leben, ist eine Erkenntnis, die durch die Pandemie hautnah geworden ist. Hier erkenne ich die moderne Armutsbewegung im besten Sinne: Nämlich: Dass wir die Pandemie und damit das Leben letztlich nicht im Griff haben, macht bescheiden und beschneidet den Grössenwahn.
  4. Vielleicht ist auch jetzt die Zeit reif für eine Neuausrichtung der Kirche: Eine Veränderung im Priesteramt – Auflösung des Pflichtzölibats und der Weihe für Frauen; Segnungen für gleichgeschlechtliche Paare; gelebte Ökumene auch beim Kommunionempfang; Zulassung zur Kommunion für Paare in zweiter Ehe … usw. Die Zeit ist reif! Auf dass die Mauern fallen!
  5.  

Stille vor dem Sturm

Der Blick nach Oben zur Kirchenleitung bedeutet Warten, im schlimmsten Fall sogar Stillstand, oder gar Konflikte zwischen Konservativen und Progressiven nach dem Motto: Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte. So werden Reformen verhindert mit dem Hinweis, dass sich die Gläubigen untereinander ja auch nicht einig sind.

Welcher Weg führt die Kirche in die Zukunft? Der bereits genannte Erik Flügge, Jahrgang 1986, also 35 Jahre jung, bietet kein Rezept, aber eine Vision: Die Kirche müsste sich auf ihren missionarischen Auftrag besinnen. Er schreibt: «Wir brauchen keinen Missionsbegriff der vergangenen Jahrhunderte, in denen man loszog und andere über den richtigen Glauben belehrte, im schlimmsten Fall unter Androhung von Gewalt. Wir brauchen den Missionsbegriff der frühen Christenheit, bei dem man loszog, um vom eigenen Glauben zu erzählen und bereit war, aus der Antwort des Gegenübers Neues über den eigenen Gott zu erfahren. Mit einem solchen Missionsbegriff liesse sich unserer Gesellschaft für das Christentum gewinnen» (S. 55).

Also kurz zusammengefasst: Über den Glauben ins Gespräch kommen. Denn das Interesse an Religiösem und Spirituellem haben wir ja vorher bereits festgestellt aufgrund der Literatur, die verfasst, gekauft und auch gelesen wird. Auch hier die geistlichen Konzerte, die sehr beliebt und umso mehr vermisst werden, sind ein Indiz für dieses Interesse. – Wenn man dann miteinander über spirituelle Themen ins Gespräch kommt, wären wir auf einem neuen und guten Weg. Innovative Ideen sind gefragt! Wenn gute Ideen Nachahmer finden oder andere inspirieren, kommt etwas in Bewegung. Um Feuer und Flamme zu werden braucht es in erster Linie echte Begegnung und Authentizität.

Wir sind gesandt

Und dazu braucht es vor allem uns, Sie und mich, die aktiv in der Kirche dabei sind. Wir sind wie die Jünger und Apostelinnen, die sich vor 2000 Jahren hinter den Mauern und verschlossenen Türen in ihrem Sälchen versteckt haben. Sie waren ängstlich und trauten nicht, von Jesus zu erzählen, was sie mit ihm erlebt hatten, was sie verstanden, gehört und gesehen hatten … – bis Pfingsten kam und Jesus sie mit seinem Lebensatem anhauchte und damit ein gewaltiger Sturm losbrach.

Genauso könnte es auch heute wieder sein: Wir suchen das Gespräch miteinander, auch wenn wir verschiedene Ansichten haben. Verständnis und Wohlwollen wachsen, man hat gern miteinander zu tun, man kann einander vertrauen. Und vor allem hiesse das auch: Dem Geist Gottes vertrauen, der neuen Wind und Bewegung schickt, Ideen und Mut.

Aufbrüche

Das letzte Jahr hat Entwicklungen beschleunigt, die erst in den nächsten 10 Jahren erwartet wurden: Wir müssen nicht mehr raus zum Einkaufen, man kann alles online bestellen und ins Haus bringen lassen. Der Arbeitsplatz befindet sich im Homeoffice. Schülerinnen und Studenten müssen sich die Lektion aus dem Netzt nach Hause holen. Wenn wir als Kirche fragen: Was brauchen die Menschen je länger je mehr, dann ist es soziale, mitmenschliche Beziehung als Gegenbewegung zur Individualisierung, wachsende Vereinzelung oder gar Vereinsamung.

Das Messbuch schlägt ein schönes Gebet vor, um immer wieder einmal um die Einheit, die Paulus beschreibt, zu beten:

«Gott, du hast uns verschiedene Gaben geschenkt. Keinem gabst du alles – und keinem nichts. Jedem gibst du einen Teil. Hilf uns, dass wir uns nicht zerstreiten, sondern einander dienen mit dem, was du einem jeden und einer jeder zum Nutzen aller gibst.»

Ein paar Fragen zur persönlichen Überlegung im Blick auf unsere unmittelbaren Lebensgemeinschaften:

     

  • Wie halten wir es in der Familie, unseren Lebensgemeinschaften? Hören wir uns gegenseitig zu?
  • Wie viel Raum hat jede und jeder sich einzubringen mit seinen Fähigkeiten und Begabungen?
  • Wie fördern wir einander, um unsere Fähigkeiten immer besser zu entfalten? Unterstützen wir den anderen dabei, auch die Fähigkeiten zu entfalten, die uns selbst vielleicht eher unbedeutend oder nicht hilfreich vorkommen?
  • Lasse ich dem anderen den Raum, seine Ideen zu äussern und einzubringen?
  • Bin ich bereit, mich in Frage stellen zu lassen und meine eigenen Pläne und Ideen selbst kritisch zu hinterfragen?
  • Hänge ich manchmal zu sehr an dem, wie etwas immer schon war, und verwehre mir oder anderen neue Zugänge zu einer Sache oder zu neuen Wegen?
  • Freue ich mich von Herzen über die Fähigkeiten von anderen oder verfange ich mich selbst schnell in einem nicht zielführenden Konkurrenzdenken?
  • Bin ich jemand, die ihren Weg unbeirrt geht oder dürfen die anderen neben mir atmen und sich selbst sein.
  • Wofür erbitte ich Gottes Geist an diesem Pfingstfest?
  •  

Fragen dieser Art können hilfreich sein, um Gottes Geist besser zur Wirkung kommen zu lassen. Über die Geschichte der jungen Kirche haben wir gehört: Alle wurden vom Heiligen Geist erfüllt! Das gilt auch bei uns: Wir und alle anderen sind vom Heiligen Geist erfüllt. Wir können dem Wirken des Geistes ganzes Vertrauen entgegenbringen: das Eigene beisteuern, aber insgesamt weniger zerren und erzwingen wollen, sondern sich entwickeln lassen, Raum und Zeit lassen.

Dem anderen seinen Freiraum lassen, um Gaben zur Entfaltung zu bringen ist notwendig für unser Zusammenleben im Privaten und erst recht für die Kirche. Und vielleicht kommt uns auch der Impuls, zu beten: Lass einander dienen, jeder und jede mit seinen Gaben ... Wir werden staunen und uns freuen an den Überraschungen und der Fülle, die der Heilige Geist bewirkt, wenn wir ihm Freiheit und Freiraum zugestehen.

Gudrun Dötsch
Pfarreileiterin

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