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Papst Franziskus sieht den Klerikalismus als eine Ursache für die zahllosen Missbrauchsfälle. Foto: Mazur/catholicnews.org.uk

Der Missbrauchsgipfel und der Klerikalismus

26. Februar 2019 Von: Andreas Wissmiller

Wo beginnt Klerikalismus? Und hat er etwas mit den Missbrauchsfällen in der Kirche zu tun? Kommentar zum Anti-Missbrauchsgipfel (21. bis 24. Februar 2019) von Pfarreiseelsorger und Redaktor Andreas Wissmiller.

Der «Missbrauchsgipfel» in Rom, bei dem sich alle Vorsitzenden von Bischofskonferenzen trafen, ist zu Ende. Dabei sind bemerkenswerte und konkrete Verfassungsänderungen diskutiert und beschlossen worden, etwa die Schaffung einer Verwaltungsgerichtsbarkeit oder die Stärkung der Aufsichtsfunktion von Metropolitanbischöfen gegenüber den Diözesanbischöfen, die Vertuschen von Missbrauchsfällen im Keim ersticken soll. Das Treffen in Rom ging aber der Frage nach den strukturellen Ursachen all der Missbrauchsverbrechen und daraus folgenden konkreten Reformen aus dem Weg: Fragen nach dem Verhältnis von Kirche und Sexualität, Fragen nach veränderter Ausgestaltung und Zulassungsbedingungen des Priesteramts. Monate vorher hatte Papst Franziskus den Klerikalismus als eine Ursache für die zahllosen Missbrauchsfälle ausgemacht.

Wo beginnt Klerikalismus? 

Wo beginnt Klerikalismus? Fängt er beim Kirchenrecht an, das die Gläubigen nach wie vor in Kleriker und Laien aufteilt, um nicht zu sagen, spaltet? Fängt er bei der Sonderkleidung für Kleriker an – warum trägt ein Priester Priesterhemd und «Römerkragen»? Was will er damit signalisieren? Dass er anders ist als andere Gläubige, dass er eine besondere Berufung hat? Warum trägt ein Bischof Soutane, wenn er nach Rom reist? Erwarten das die so genannten Laien von ihren Klerikern? Gibt es den Klerikalismus gewissermassen «von unten»? Warum keine Kleidung im Arbeitsalltag wie normale Menschen? Oder fängt der Klerikalismus beim Männerbündlerischen und bei den Ehrentiteln an, den Hochwürdigen Herren, Prälaten, Monsignores und Eminenzen, wie sie auch im deutschsprachigen Raum noch verbreitet sind? Oder bei den glanzvollen Primizen, wenn jemand frisch geweiht wurde, also Berufsanfänger ist? Wo fängt Klerikalismus an – strukturell – jenseits von persönlichem Hochmut, vor dem niemand gefeit ist?

Nötige «Normalisierung» des Priesterbildes 

Ich bin überzeugt: Eine umfassende «Normalisierung» des Priesterbildes (in Zulassung von Mann und Frau, verheiratet oder nicht, heterosexuell oder homosexuell, in Kleidung und Titelgebung) hilft in beide Richtungen: Es normalisiert, dass auch Kleriker für Verbrechen zur Rechenschaft gezogen werden, es normalisiert den Kreis der Personen, die für eine priesterliche Aufgabe bestellt werden. Und es normalisiert mittelfristig das öffentliche Image des Priesters. Heute ist die Gefahr gross, dass angesichts der Missbrauchsfälle eine unzulässige Gleichsetzung von Priester = Pädophiler erfolgt, ein Pendelausschlag auf die andere Seite der früheren Gleichsetzung Priester = Hochwürden. Wo beginnt Klerikalisierung und wie gelingt eine heilsame «Normalisierung» des Priesterbildes? Ich bin überzeugt: Opfer von Missbrauch könnten hier eine wichtige Perspektive einbringen. Aber dafür müssen die Kirchenverantwortlichen deren Erfahrungshorizont einbeziehen. Auch das ist in Rom noch zu wenig passiert.

Andreas Wissmiller, Pfarreiseelsorger und Redaktor

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