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Im Fokus

Doris Reisinger, Trägerin des Herbert Haag-Preises 2022. Foto: Andrea Schombara

«Jedes Vertrauen in die katholische Kirche verloren»

21. März 2022 Von: Urban Schwegler

Die Theologin Doris Reisinger wurde am 13. März mit dem Herbert-Haag-Preis ausgezeichnet. Die ehemalige Ordensschwester war Opfer sexuellen und geistlichen Missbrauchs und machte dies öffentlich. Im folgenden die Rede von Doris Reisinger anlässlich der Preisverleihung in der Luzerner Lukaskirche.

«Es ist schön hier heute mit Ihnen, mit euch allen zusammen zu sein. Es ist schön, diesen gemeinsamen Moment zu haben. Auch wenn uns kaum zum Feiern zumute ist. 

Erstens weil in diesem Moment in der Ukraine, in Europa, Menschen in einem brutalen und verbrecherischen Krieg sterben, weil unsere Gedanken in diesen Wochen dort sind und den meisten von uns nur bleibt, zu hoffen, dass dieser Krieg und das verbrecherische Regime, das ihn zu verschulden hat, ein baldiges Ende finden.

Die Missbrauchskrise ist nicht vorbei

Zweitens ist uns auch aus einem anderen Grund nicht nach Feiern zumute, gerade uns Betroffenen nicht: weil uns so unerbittlich klar ist, dass die sogenannte Missbrauchskrise nicht vorbei ist. Weder für uns persönlich noch für die Kirche. 

Ganz konkret heisst das für mich – und ich weiss für viele hier anwesende Betroffene auch: 

Die Priester, die mich missbraucht haben, und diejenigen, die ihnen das ermöglicht haben, sind dafür bis heute nicht zur Verantwortung gezogen worden. Sie sind alle noch im Amt. Dieselben Priester und Schwestern, die mich über Jahre gequält haben, sind nach wie vor seelsorglich tätig. Die Bischöfe, in deren Diözesen meine Täter weiter tätig sind, die römischen Beamten, die gegen einen meiner Täter erst gar nicht ermittelt und den anderen in einem Eilverfahren freigesprochen haben, fällen weiter Entscheidungen in anderen Missbrauchsfällen – und treten zugleich als Aufklärer in Sachen Missbrauch auf. Der Gedanke ist einfach unerträglich. 

Bischöfliche Behörden machen den Opfern das Leben schwer

Es ist für uns als Betroffene unerträglich, die Diskrepanz zwischen dem Auftreten kirchlicher Akteure in der Öffentlichkeit und ihrem Handeln uns gegenüber auszuhalten. Wir geoutete Betroffene begleiten immer auch andere Betroffene. Wir tun das in der Regel nebenbei, unentgeltlich und manchmal bis an die Grenze unserer eigenen Erschöpfung.

Und so sehen wir permanent, wie bischöfliche Behörden Tag für Tag routiniert Opfern das Leben schwermachen: ihnen gar nicht antworten oder sie ewig warten lassen, sie gegen bürokratische Betonwände laufen lassen, sie mit Floskeln abspeisen, manchmal vordergründig und anfänglich freundlich sind, um sie im nächsten Moment abzuweisen, einzuschüchtern und zu retraumatisieren, während dieselben Behörden und die dazugehörenden Bischöfe gleichzeitig mit vollem Wissen Täter schützen und freisprechen. Wenn es vereinzelt irgendwo anders läuft, ist das – und das muss man ganz deutlich sagen – die Ausnahme.

«Missbrauchskrise ist ein einziger Clusterfuck»

Die kirchliche Leitung relativiert und retraumatisiert weiter, während sie zugleich der Öffentlichkeit und dem Kirchenvolk erzählen, dass sich vieles gebessert habe und dass man jetzt intensiv Prävention betreibe und schonungslos aufklären müsse – was die Öffentlichkeit und die sogenannten einfachen Gläubigen oft nur allzu gerne hören und glauben. Und wenn sich über einem Bischof doch einmal die dunklen Wolken öffentlicher Empörung zusammenbrauen, dann braucht er nur einmal vor der Kamera laut über die Frauenweihe nachzudenken – und die trübe Stimmung verdunstet unter den Sonnenstrahlen allgemeinen Wohlgefallens.

Um es in einem Wort zu sagen, diese sogenannte Missbrauchskrise ist ein einziger Clusterfuck: Eine heillos verfahrene Situation aus massenhaft Unwissen, Intransparenz, Inkompetenz, Wunschdenken, PR, Skrupellosigkeit, Machtkonzentration, Machtverschleierung, Gaslighting, entsetzlichem Leiden und spirituellem Kitsch, – und in alledem gibt es sehr wenige Rufer und Ruferinnen in der Wüste, deren Stimmen im Gewirr untergehen.

Den Ernst der Lage begriffen?

Wir haben ein massives Problem und das ist die Illusion von der Kirche als heiler Welt. Es klingt absurd, aber auch in einer Zeit, in der das Wort Kirche fast schon synonym mit dem Wort Missbrauch ist, halten viele noch an Illusionen über die Kirche fest. Das sind Illusionen, die wir als Betroffene auch hatten.

Viele von uns Betroffenen glaubten an die Kirche, auch nach dem Missbrauch noch. Ja, dieser eine Priester oder diese eine Gemeinschaft hat mich missbraucht, aber wenn der Bischof das erfährt, wenn ich das nach Rom melde, dann werden die sich kümmern, ermitteln, Gerechtigkeit herstellen… Und auch wenn es in meinem Fall nicht geklappt hat, wir können der Kirche doch grundsätzlich vertrauen. Es ist nur eine Frage der Zeit bis genug Verantwortliche den Ernst der Lage begriffen haben. Dann werden sie handeln und dann wird am Ende doch noch alles gut. Die werden das doch nicht so weiterlaufen lassen, bestimmt nicht… 

«Ich beginne in solchen Momenten unkontrolliert zu zittern»

Diese Hoffnung weicht dann einer stufenweisen und extrem schmerzhaften Desillusionierung. Zuerst mag man nicht glauben, was geschieht, nämlich dass sie gar nichts tun oder dass sie sogar lügen, Betroffene einschüchtern oder verleumden, während sie gleichzeitig vor Kameras und in Mikrofone sagen, dass sie zuerst an die Betroffenen denken und dass sie sich «immer wieder berühren lassen». 

Mir wird mittlerweile schlecht, wenn ich solche Sätze höre. Ich ertrage es immer weniger. Das kennen wir, glaube ich, alle. Jeder und jede von uns hat andere Symptome. Ich beispielsweise: Ich beginne in solchen Momenten unkontrolliert zu zittern.

«Es wird immer noch schlimmer»

Ich weiss, man sieht es mir nicht an: Aber diese Ohnmacht empfinden zu müssen, diesen dreisten, eiskalten Zynismus aushalten zu müssen, hat mich in den vergangenen Jahren einige Male so mitgenommen, dass mein Mann, der Einzige, der das mitbekommt, wirklich Angst um mich hatte. Und ich weiss oder ahne, dass es vielen von euch, von Ihnen ähnlich geht. Dass ihr auch an diesem Punkt wart. Und wir wissen auch, dass manche das nicht überlebt haben. Vergessen wir sie nicht. Viele, die es nicht mehr ertragen haben, könnten heute am Leben sein, wenn Verantwortliche rechtzeitig verantwortlich gehandelt hätten.

Die Missbrauchskrise hat kein Ende. Immer wieder habe ich in den vergangenen zwölf Jahren gedacht: Jetzt habe ich wirklich alles gesehen. Schlimmer kann es nicht mehr kommen. Aber es wird immer noch schlimmer. Es gibt noch so viel, was noch nicht einmal in der öffentlichen Diskussion über Missbrauch in der katholischen Kirche angekommen ist. Ich möchte an der Stelle nur auf zwei riesige Problemfelder hinweisen. 

Schwerer gesundheitlicher Schaden

Da ist zum einen der organisierte spirituelle Missbrauch in sektenähnlichen kirchlichen Gruppen, in denen Menschen gezielt wehrlos gemacht werden. Das betrifft Männer, Frauen, Kinder, ganze Familien, mitten unter uns. Dort gibt es auch sexuellen Missbrauch und oft noch nicht einmal den Versuch, Aufklärung auch nur zu simulieren. Und obendrein gibt es Ausbeutung von Arbeitskraft und spirituelle Gleichschaltung mit – wie wir heute ganz klar wissen – schwerem gesundheitlichen Schaden für die betroffenen Menschen und schwerem institutionellem Schaden für die Kirche, die diese Gruppen trotz allem weiter schützt. 

Zum anderen gibt es eine hohe Zahl von Schwangerschaften und Abtreibungen in Folge von sexuellem Missbrauch, auch unter Minderjährigen. In den meisten Fällen nötigen die Täter, katholische Priester, ihre Opfer zur Abtreibung. Und wenn die zuständigen Bischöfe überhaupt davon erfahren, rehabilitieren sie die Täter – und das geht ganz schnell. Während viele Opfer sich, zusätzlich zu allen Traumata, mit Gewissensnöten herumschlagen, weil die Kirche, eine Meisterin der Beschämung, zwar den Täter von der Abtreibung freispricht, den Opfern aber nachhaltig eingeprägt hat, dass Abtreibung die schlimmste aller denkbaren Sünden ist. 

«Diese Krise ist bodenlos»

Überhaupt hat die öffentlich geführte Debatte noch nicht einmal an der Oberfläche dessen gekratzt, was in der katholischen Kirche Frauen angetan wurde und wird.

Persönlich habe ich es aufgegeben, auf einen Boden in diesem alle Hoffnungen und alles Vertrauen verschlingenden Fass Kirche zu hoffen: Diese Krise ist bodenlos. Sie hört nicht auf. Sie ist das Ende der katholischen Kirche. Warum?

Die Illusion, die die Kirche selbst gebaut hat und die wir alle am Leben erhalten haben, gaukelt uns bis heute vor, dass die sogenannte Missbrauchskrise eine Folge von Einzelfällen ist – oder eigentlich eine PR-Krise – oder ein mühsamer Reformprozess: An einigen Stellen müssen wir nachbessern. Das wird mühsam, aber das wird schon.

«Missbrauch von Macht steckt in der DNA der Kirche»

Aber die bittere Wahrheit ist: eine Reform braucht ein Mindestmass an funktionierender Struktur, eine Verfassung, eine Rechtsordnung, eine Grundlage, die die Reform tragen kann, ohne selbst reformbedürftig zu sein. Und diese Grundlage gibt es in der katholischen Kirche nicht. 

Wenn es einen Bischof gibt, der im Blick auf Missbrauch etwas Wahres gesagt hat, dann war es Heiner Wilmer, der sagte, «der Missbrauch von Macht steckt in der DNA der Kirche». 

«Wir alle haben uns offenbar geirrt»

Was ist diese DNA? Wir haben geglaubt, die DNA der Kirche wäre Gotteskindschaft und Nächstenliebe und Menschwerdung: Eine Gemeinschaft, in der wir uns gegenseitig als geliebte Geschöpfe Gottes sehen und wertschätzen, in der jeder und jede, egal, wie unbedeutend oder unvollkommen, die gleiche unveräusserliche Würde und die gleichen unveräusserlichen Rechte besitzt. Das, dachten wir, wäre die Kirche. Und wir alle haben uns offenbar geirrt. Das ist – wenn überhaupt – vielleicht der christliche Glaube, aber es ist nicht die DNA der Kirche. 

Die DNA der katholischen Kirche ist die Ungleichheit der Menschen. Das ist es, was ihre Leitung vehement verteidigt und woran sie um jeden Preis festhält. In unserer Kirche sind offenbar nur einige wenige Menschen Ebenbilder Gottes und jesuanische Selbstentäusserung ist ihnen fremd. Sie nehmen für sich in Anspruch, Stellvertreter oder Repräsentanten Christi zu sein, die als Bischöfe von Gottes Gnaden exklusiv die Hoheit über die Lehre, die Ressourcen, das Recht, seine Auslegung und Anwendung innerhalb der Kirche haben und die von den anderen weder legitimiert noch kontrolliert werden, dafür aber von ihnen bedingungslosen Gehorsam einfordern. Unsere Kirche funktioniert wie eine feudale Ständeordnung – und sie stammt ja auch aus der Zeit, in der solche Ordnungen Europa dominierten. Dass die Kirche es nicht geschafft hat, diese Ordnung rechtzeitig abzulegen, das wird ihr jetzt zum Verhängnis. 

Was die Kirche nicht wahrhaben will

Denn im Kern ist dies eine Ordnung, die dem Evangelium diametral widerspricht, weil sie Menschen in wertvolle und wertlose einteilt, in die, die Recht haben und die, die sich diesem Recht beugen müssen. Es ist dieselbe Logik, die in autoritären Köpfen überall auf der Welt weiter existiert und die, wo sie herrscht, unweigerlich Gewalt und Ausbeutung zur Folge hat.

Wir wissen es: Missbrauch gibt es überall. Aber in den allermeisten Gesellschaften und Rechtssystemen ist Missbrauch von Macht heute eindeutig als eine Abweichung von der Norm definiert. In der römisch-katholischen Kirche dagegen kann es genaugenommen gar keinen Missbrauch geben, weil das, was wir vor dem Hintergrund unseres modernen Rechts- und Moralverständnisses als Missbrauch von Macht bezeichnen, nämlich die unbegrenzte und unkontrollierte Macht der Herrschenden über alle Lebensbereiche der Untergebenen, in der katholischen Kirche tendenziell die Norm der Machtausübung ist – und von der Kirche selbst nicht als Missbrauch verstanden wird. 

Kein Recht auf Autonomie

Gewöhnliche Gläubige haben in dieser Kirche keine Rechte, die diesen Namen verdienen, keine Selbstbestimmungs- oder Freiheitsrechte, keine Mitspracherechte oder Abwehrrechte, die der kirchlichen Herrschaft Grenzen setzen könnten. Es gibt in dieser Kirche kein Recht auf intellektuelle Autonomie oder sexuelle Autonomie, keine Gewissensfreiheit, keine Frauenrechte, keine Kinderrechte, keine Menschenrechte. Während Staaten und Gesellschaften weltweit solche Rechte in ihren Verfassungen verankert haben, hat die katholische Kirche sich vehement und nachhaltig gegen diese Entwicklung gesperrt. 

Insbesondere Kinderrechte haben moderne Gesellschaften ja erst in die Lage versetzt, Kindesmissbrauch als das entsetzliche Verbrechen zu begreifen, das es ist. Nämlich nicht ein Verstoss gegen die allgemeine Sittlichkeit, sondern ein Verbrechen gegen das Selbstbestimmungsrecht eines Menschen. 

Opfer haben in der Kirche keinen Nebenklägerstatus

Und das Recht der katholischen Kirche sieht hier – auch nach der jüngsten Strafrechtsreform – nur Kleriker, die ihre Zölibatspflicht verletzen, indem sie nicht etwa gegen, sondern «mit einem Minderjährigen» «gegen das sechste Gebot» verstossen, mit allen Konsequenzen, die das für Strafverfahren und für den Umgang der Kirche mit Beschuldigten, Tätern und Betroffenen hat. 

Bis heute – zwölf Jahre nach dem Ausbruch der Krise in Deutschland und beinahe 40 Jahre nach dem Ausbruch der Krise in den USA – sind kirchliche Verfahren geheim. Bis heute werden Opfer von Sexualstraftaten in kirchlichen Verfahren nicht als Opfer gesehen. Bis heute haben sie keine Akteneinsicht und keinen Nebenklägerstatus. 

Die Illusion besteht weiter

Das ist die bittere Wahrheit: Der katholischen Kirche fehlen, aller Aufarbeitungsrhetorik, allen Gutachten, Leitlinien und allen kosmetischen Reförmchen zum Trotz, weiterhin die elementarsten Grundlagen, um Missbrauch überhaupt auch nur als solchen zu begreifen.

Das ist die bitterste Lektion, die wir als Betroffene lernen mussten – und die grosse Teile der Kirche, der säkularen Medien und der Politik nach wie vor nicht wahrhaben wollen.

Das ist Teil des riesigen Clusterfucks Missbrauchskrise: Die Illusion von der guten und vertrauenswürdigen Kirche besteht weiter. Trotz Missbrauchskrise oder gerade deswegen. So wie die meisten zuerst nicht wahrhaben wollten, dass katholische Priester Kinder missbrauchen und Bischöfe solche Priester weiter einsetzen, wollen sie jetzt nicht wahrhaben, dass das nicht einfach mit der Zeit und ein paar Gesten wieder weg geht.

Jegliches Vertrauen verloren

Wo immer in der Kirche über Missbrauch gesprochen wird, sicher auch hier heute, gibt es einen grossen Hunger nach hoffnungsvollen Worten. Mutmachendes wollen die Leute in der Kirche hören, auch und gerade von uns Betroffenen. Aber ich persönlich bin an einem Punkt, wo ich so nicht mehr sprechen und schreiben kann. 

Ich habe jegliches Vertrauen in und jegliche Erwartung an die katholische Kirche verloren. Ich habe durch alles, was ich persönlich und an der Seite anderer Betroffener erlebt habe, was ich durch die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Thema und durch den Einblick in Akten gesehen habe, einfach eine Illusion verloren, an der so viele andere noch festhalten. 

Den Betroffenen macht die Kirche nichts mehr vor

Es genügt im Grunde, die Gesetzestexte und Lehrdokumente der katholischen Kirche zu lesen. Es genügt, mit den Menschen zu reden, die die Härten kirchlicher Normen zu spüren bekommen haben. Es genügt als Missbrauchsopfer in der Kirche Gerechtigkeit einzufordern, und man wird von jeder Illusion über die Kirche befreit. Und das mag vielleicht paradox klingen, aber: Das ist sehr befreiend. 

Wir, die Betroffenen, die heute hier sind, für uns alle gilt: Wer das überlebt hat, was wir überlebt haben, dem macht diese Kirche nichts mehr vor. Der oder die lässt sich von bischöflicher Rhetorik, lächelnden Papstbildern und kirchlichen PR-Texten nicht mehr beeindrucken. Wir wissen, was wir gesehen haben. Wir sehen, dass der Kaiser nackt ist, auch wenn andere noch seine schicken neuen Kleider loben. Wir müssen keine Bückerchen mehr machen.

Theologische Glasperlenspielerei

Dabei hätten wir schon lange alle frei von diesen Illusionen sein können. Das Wissen wäre dagewesen. Es gab die warnenden Stimmen, aber sie waren zu wenige und sind über die Jahrzehnte systematisch und konsequent marginalisiert worden, während viel zu viele viel zu lange viel zu still waren. 

Viele Menschen scheinen in den Jahrzehnten vor und nach dem Konzil zu lange nicht begriffen zu haben, worum es in den Diskussionen im Letzten ging. Nämlich nicht um Reformer und Konservative, nicht um Überzeitliches und theologische Glasperlenspielerei.

Für Betroffene kommt das viel zu spät

Es ging in vielen theologischen und kirchenpolitischen Debatten vergangener Jahrzehnte im Kern immer schon um die unerhörte Anmassung einer kleinen Gruppe von Menschen, an Stelle Gottes über alle anderen zu herrschen. Es ging um den politischen Wahnsinn, sich auf diese Weise von der Realität, der theologischen Forschung und dem Kirchenvolk abzukoppeln, wie die kirchliche Zentralregierung in Rom das getan hat und weiterhin tut. Und es ging um die katastrophalen Folgen, die dieses System für Millionen von Menschen hat, die klerikaler Willkür de facto rechtlos ausgeliefert sind.

Leider haben sich viele der privilegierteren Katholikinnen und Katholiken wider besseres Wissen mit diesem System arrangiert und haben lange, manche ihr Leben lang, vorsichtig geschwiegen und grossflächig Themen, Fragen und Handlungen vermieden, die geeignet gewesen wären, kirchliche Machthaber blosszustellen. Sie tragen eine Mitschuld daran, dass viele andere, wehrlose Menschen, dem Zugriff klerikal abgesicherter Gewalt hilflos ausgeliefert waren – und noch sind. 

Es hat lange gedauert, bis kirchliche Verbände und die akademische Theologie sich des Missbrauchsthemas angenommen haben. Für Betroffene kommt das viel zu spät. Viele von uns konnten uns immerhin auf staatliche Strukturen und Hilfesysteme und auf eine unabhängige Presse verlassen, als wir begonnen haben zu sprechen. 

Wir stehen immer noch am Anfang

Ich denke oft an Betroffene in der Zeit vor dem Ausbruch der Krise oder an Betroffene in Ländern wie Ungarn oder Italien oder Polen. Wo Staat, Medien, Gesellschaft und Kirche so eng verwoben sind, sind Betroffene umso verletzlicher und ohnmächtiger. Von Ländern in Afrika und Asien ganz zu schweigen.

Wir stehen also immer noch am Anfang der Aufklärung. Aber wir, wir Betroffene, und die, die uns gehört und verstanden haben, wir, haben einen entscheidenden Schritt getan: Wir haben gesagt, was war – und wir sagen, was ist. 

Keine Angst mehr vor kirchlicher Willkür

Es hat etwas Prophetisches und etwas beinahe Poetisches, dass ausgerechnet die Menschen, die die kirchliche Willkür auf die grausamste Weise erfahren haben, die ersten sind, die keine Angst mehr haben, kirchliche Machthaber blosszustellen. Keine Angst, zu sagen, was war und was ist. Wir wissen, was wir gesehen und erlebt haben. Uns kann man nicht mehr verschaukeln.

Während hohe Funktionsträger und Menschen mit kirchlichen Beauftragungen und Erlaubnissen immer noch Angst haben und in Loyalitäten gegenüber einem ungerechten Machtsystem festhängen und ihre Worte mit Blick auf bischöfliche Ohren sorgfältig abwägen müssen. Wir müssen das nicht mehr.

Ausgerechnet die ohnmächtigsten Menschen in dieser Kirche, erweisen ihr den grössten Dienst, weil sie das dysfunktionale und obendrein zutiefst unchristliche Machtsystem dieser Kirche so deutlich blossstellen. Weil sie den kirchlichen Machthabern und Gläubigen die entscheidende Lektion in Erinnerung rufen, nämlich die Botschaft von der gottgeschenkten Würde eines jeden einzelnen Menschen.

Einsatz für die Würde jedes Menschen

Wir alle tragen diese Würde in uns, und wir besitzen die aus ihr hervorgehenden unveräusserlichen Rechte. Sie zu achten und zu verteidigen, gelegen oder ungelegen, und auch gegen Widerstände und kalte Willkür, das wäre die Aufgabe der Kirche – gewesen. 

Es wird – egal, was aus der Kirche wird – unsere Aufgabe bleiben. Die Würde jedes Menschen zu achten und zu verteidigen, daran werden wir alle uns messen lassen müssen. 

Danke.»


Die Theologin und Philosophin Doris Reisinger arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Sie war früher Mitglied der Geistlichen Familie «Das Werk». 2014 machte Doris Reisinger in ihrem Buch «Nicht mehr ich – Die wahre Geschichte einer jungen Ordensfrau» ihre Erfahrungen von Missbrauch öffentlich.


Weitere Preisträger

Den Herbert-Haag-Preis erhielten neben Doris Reisinger:  

     

  • Matthias Katsch, der Begründer der Initiative «Eckiger Tisch» (Offenburg) sowie die Sprecher des Betroffenenbeirats der Deutschen Bischofskonferenz (Johanna Beck, Kai Christian Moritz und Johannes Norpoth);
  • Jacques Nuoffer für die westschweizerische Opfervereinigung Sapec und Albin Reichmuth für die Deutschschweizer Interessengemeinschaft für Missbrauchsbetroffene im kirchlichen Umfeld;
  • der Wiener Theologe Prof. Wolfgang Treitler.
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