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Kirchenaustritte als Herausforderung - Kirche muss menschen- und hoffnungsrelevant sein

20. November 2020 Von: Raphael Rauch, kath.ch - Kommentar

Noch nie wurden innerhalb eines Jahres so viele Austritte aus der katholischen Kirche gezählt wie 2019. Das zeigen neuste Zahlen und ein Bericht des Schweizerischen Pastoralsoziologischen Instituts (SPI) in St. Gallen. Diese alarmierenden Zahlen seien "eine ökumenische Herausforderung", sagt Raphael Rauch, Redaktionsleiter des katholischen Medienzentrums kath.ch in seinem Kommentar.

Frauen als Priesterinnen zulassen, den Pflichtzölibat abschaffen – und alle Probleme wären gelöst? Von wegen! Sowohl bei den Katholiken als auch bei den Reformierten sind die Austrittszahlen hoch. Ein Kommentar von kath.ch-Redaktionsleiter Raphael Rauch.

Die historisch hohen Austrittszahlen sind kein katholisches Problem, sondern ein ökumenisches. Die christlichen Kirchen in der Schweiz leiden am gleichen Syndrom. Den Reformierten geht es nicht besser. Auch sie haben die höchsten Austrittszahlen ihrer Geschichte – obwohl reformierte Pfarrerinnen und Pfarrer heiraten dürfen, die «Ehe für alle» befürworten und mit Rita Famos von Januar an eine Frau an der Spitze haben.

Austrittswelle hält an

Auch sonst haben Reformierte und Katholiken ähnliche Probleme: interne Machtkämpfe, Eitelkeiten und Animositäten. Hinzu kommen Grenzverletzungen, Machtmissbrauch und sexuelle Übergriffe.

Die Prognose lautet: Die Austrittswelle hält bei Reformierten und Katholiken weiter an – und lässt sich durch keinen Impfstoff so schnell stoppen. Natürlich würden Frauenpriestertum und die Aufhebung des Pflichtzölibats der Kirche einen Ruck geben. Distanzierte Katholiken würden so motiviert, der Kirche treu zu bleiben. Die Kirche würde glaubwürdiger wirken.

Sehnsucht nach Spiritualität

Alle Probleme wären damit aber nicht gelöst. Strukturfragen um Frauen, Sex, Amt und Macht stehen der katholischen Kirche zwar im Weg. Aber die Lösung dieser Fragen ist nur eine Seite der Medaille. Die andere Seite ist der allgemeine Relevanzverlust der Kirche.

Die Menschen sehnen sich nach Spiritualität – fühlen sich mit ihren Bedürfnissen aber in einem Yoga-Retreat besser aufgehoben als in der Kirche.

Relevanzverlust als ökumenische Herausforderung

Es gelingt den Kirchen nicht, «Gaudium und Spes» mit Leben zu füllen: «Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi. Und es gibt nichts wahrhaft Menschliches, das nicht in ihren Herzen seinen Widerhall fände.»

Der Relevanzverlust ist eine ökumenische Herausforderung. Die zentrale Aufgabe lautet, die christliche Botschaft ins 21. Jahrhundert zu übersetzen. Dazu gehört glaubwürdig zu vermitteln, dass Weihnachten und Ostern mehr als nur ein historischer Brauch sind, die mit Halloween und Osterhasen ersetzt werden können.

Kirche muss menschen- und hoffnungsrelevant sein

Es kommt darauf an, zu zeigen: Die Kirchen sind menschenrelevant. Sie stehen für Hoffnung in Zeiten der Hoffnungslosigkeit. Für Trost, wo sonst Verzweiflung obsiegt. Für Licht, wo das Dunkle alles verschlingt.

Für eine menschenrelevante Kirche braucht es aber überzeugende Figuren, die Lust haben, ihr Leben einer oft biederen Institution zu widmen. Alle Verantwortlichen sollten die Signale hören. Es reicht nicht, auf Veränderungen in Rom zu warten. Die Veränderungen müssen hier in der Schweiz geschehen. Die Kirchen dürfen sich nicht selbst abschaffen. Sie müssen zeigen, dass sie hoffnungsrelevant sind.

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