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"Können christliche Werte bleiben, wenn die Religion nicht gepflegt wird?"

29. Februar 2020 Von: Sylvia Stam, kath.ch

Paul Hinder, Bischof in Arabien, sprach am 28. Februar in der Peterskapelle in Luzern. Im Interview erzählt er vom Leben einer christlichen Minderheit in einem muslimischen Land.

Bischof Hinder, wie lebt man als christliche Minderheit in einem Land mit muslimischer Mehrheit?
Paul Hinder: 85 Prozent der Bevölkerung in den Vereinigten Arabischen Emiraten sind Ausländer, darunter sind die Christen eine wichtige Minderheit. Sie machen etwa 11 Prozent der Gesamtbevölkerung aus. Die Christen haben denselben Status wie alle Ausländer: Wir sind auf begrenzte Zeit und zum Arbeiten da. Ein Visum wird für maximal drei Jahre erteilt und muss immer wieder erneuert werden.

Wie frei können Christen ihre Religion leben?
In den Emiraten und im Oman gibt es Religionsfreiheit, allerdings mit Einschränkungen. Man kann zum Beispiel nicht irgendwo im Freien einen Gottesdienst feiern. Platzmangel ist bei uns ein häufiges Problem: In den Vereinigten Arabischen Emiraten gibt es neun Pfarreien für nahezu eine Million Katholiken. Da wären wir manchmal sehr froh, irgendwo ein Lokal mieten zu können. Aber das ist nicht so leicht.

Die Gläubigen kommen demnach oft in die Kirche?
Ja. 2015 wurde in Musaffah, einem Aussenquartier von Abu Dhabi die Pauluskirche eröffnet, aber die Kathedralkirche Sankt Josef im Zentrum ist trotzdem gleich voll wie vorher. In Dubai sind die Marienkirche im Zentrum und die Franziskuskirche nahe beim Expo-Gelände schlechthin überfordert mit dem Andrang am Wochenende und an Festtagen. Neue Quartiere schiessen aus dem Boden.

Was zeichnet Ihre Migrantenkirche sonst noch aus?
Erfreulich ist sicherlich das ausserordentlich grosse Engagement und die religiöse Praxis der Gläubigen. Mir sagen Bischöfe der Heimatländer unserer Gläubigen, dass die Leute bei uns aktiver seien als in ihrer Heimat. Der Glaube ist für sie ein Stück Heimat. In der muslimisch geprägten Diaspora wird vielleicht etwas reaktiviert, was sonst nicht im gleichen Ausmass da wäre. Die Gläubigen engagieren sich stark im Religionsunterricht, in der Vorbereitung der Kirche oder beim Wegräumen von Tausenden von Stühlen nach einem Gottesdienst auf dem Kirchgelände.

In der Schweiz begegnet Muslimen eine gewisse Ablehnung seitens der Einheimischen. Gibt es in den Emiraten etwas Vergleichbares?
Das könnte ich so nicht sagen. Unser Rechtsstatus ist allerdings begrenzt. Wenn jemand sich in der Gesellschaft unpassend verhält, wenn er beispielsweise die Bibel verteilt und Gläubige abwerben möchte, wird er des Landes verwiesen. Die Einheimischen fühlen sich sicher, weil sie wissen, dass die Ausländer nicht allzu viel riskieren können. Auch ich hätte manchmal einiges zu sagen, aber das vergeht einem, weil man weiss, was auf dem Spiel steht. Seit dem kurzen Besuch von Papst Franziskus letzten Februar und dem Toleranz-Jahr ist der Umgang mit den Ämtern und den Einheimischen selbstverständlicher geworden und von grossem gegenseitigen Respekt geprägt.

Was tun die Staaten der arabischen Halbinsel angesichts der vielen Flüchtlinge aus dem Nahen Osten?
Hinder: Sie nehmen relativ wenige auf. In einer Gesellschaft mit so vielen Ausländern ist die Aufnahme von Flüchtlingen, noch dazu aus dem arabischen Raum, problematisch. Die Regierung der Vereinigten Arabischen Emirate aber hat beispielsweise den Irak in der Flüchtlingsarbeit finanziell unterstützt.

Im Zusammenhang mit der Angst vor einem Erstarken des Islam in Europa haben Sie einmal gesagt: "Das Problem ist nicht die vermeintliche Stärke des Islam, sondern die Schwäche des Christentums in Europa." Wie meinen Sie das?
Die Lösung ist nicht, den Islam zu bekämpfen, sondern die Europäer müssen sich die Frage nach ihren Wurzeln stellen. Dazu gehört eine 2000-jährige christliche Geschichte. Dieses Erbe ist nicht einfach in Granit gehauen, sondern es kann verdunsten. Das meine ich mit der Schwäche des Christentums.

Aber gehören denn säkulare Werte wie Solidarität oder Gewaltfreiheit nicht auch zu diesen Wurzeln?
Doch, aber können solche Werte bleiben, wenn die Religion, die sie hervorgebracht hat, nicht weiter gepflegt wird? Man kann einen Acker eine Weile brachliegen lassen. Aber es kommt eine Zeit, wo ein Urwald entsteht, wenn man ihn nicht pflegt. Pflege kann heissen, dass man zum Beispiel Kenntnisse über Bibel und Christentum weitergibt.

Wäre Ihnen deshalb ein islamisches Europa lieber als ein religionsloses, wie Sie in Ihrem Buch „Als Bischof in Arabien“ sagen?
Ich habe dabei einen positiven Islam vor Augen. Mir ist eine Gesellschaft lieber, in der Religion, egal welche, mit einer positiven Konnotation gelebt wird, als eine religionslose.

Welche positiven Werte verbinden Sie mit dem Islam?
Der Islam hat einen ganzen Gürtel von Marokko bis China kulturell geprägt. Dadurch schuf er eine Grundsolidarität innerhalb des Islam. Ein Muslim war für den anderen primär ein Bruder oder eine Schwester. Leider wird das nun durch die Radikalismen neuerer Zeit gestört. Das Gewaltpotenzial im Islam soll man allerdings nicht verneinen. Der Islam hat da noch etwas aufzuarbeiten, wie auch das Christentum etwas aufzuarbeiten hätte. Einsichtige Kreise in Religion und Staat holen den Islam aus der Erstarrung und sind dialogbereit.

Islamophobie ist in der Schweiz ein zunehmendes Phänomen. Was entgegnen Sie Schweizerinnen und Schweizern, die ihre Angst vor dem Islam ausdrücken?
Ich verstehe, dass es Ängste geben kann, gegenüber dem Fremden, gegenüber einer ungewohnten Form von Religion. Die Verunsicherung halte ich für umso grösser, je unsicherer man in seiner eigenen religiösen Position ist. Wichtig scheint mir, dass man nicht alle Muslime stigmatisiert für Gewalttaten, die trotz allem von einer zahlenmässig begrenzten Täterschaft verübt werden. Konkret überwinden lässt sich die Angst schliesslich am besten, indem man Menschen kennen lernt!

Interview: Sylivia Stam, kath.ch

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