Katholische Kirche Stadt Luzern  /  Schaufenster

Im Fokus

Regierungsrat Reto Wyss in seinem Büro vor dem diesjährigen Bettagsplakat.

Regierungsrat Reto Wyss ist «fairantwortlich»

11. September 2019 Von: Urban Schwegler

Regierungsrat Reto Wyss ist am Bettag vom 15. September Gast in der Luzerner Johanneskirche. In einer ökumenischen Matinée spricht er zum Bettagsmotto «fairantwortlich». Im Interview mit dem Pfarreiblatt macht sich der Finanzdirektor Gedanken darüber, was es für ihn heisst, Verantwortung zu tragen und fair zu sein. Und warum er den Sonntag nach wie vor hochhält.

Sie werden am Bettag in der Johanneskirche die Predigt halten. Können Sie uns schon verraten, über was Sie sprechen werden?
Reto Wyss: Natürlich nicht, sonst kommt ja niemand mehr! (Lacht). Nein, im Ernst, ich werde aus meiner Sicht etwas zum Bettagsthema „fairantwortlich“ sagen. Das gefiel mit auf Anhieb sehr gut.

Einer Predigt liegt meist ein Bibeltext zugrunde. Wie halten Sie es mit den christlichen Grundlagen in der Politik? Welche Rolle spielen diese für Sie als CVP-Politiker?
Ich bin praktizierender Katholik. Die christlichen Werte bieten mir unabhängig von meiner Partei und meiner politischen Aufgabe hilfreiche Leitlinien für den Alltag. An diese versuche ich mich zu halten. Konkret: Der Mensch mit seinen Ansprüchen und Erwartungen soll im Zentrum der Arbeit stehen. Manchmal gelingt das besser, manchmal weniger gut. Grundsätzlich aber ist es Aufgabe der Politikerinnen und Politiker, Politik für die Menschen zu machen.

Sie sprechen von unterschiedlichen Ansprüchen und Erwartungen. Es ist unmöglich, allen gerecht zu werden. Enttäuschungen sind vorprogrammiert. Wie gehen Sie damit um?
Als Politiker bin ich mir bewusst, dass ich nicht alle Ansprüche in gleicher Weise erfüllen kann. Ich gebe mir aber Mühe, möglichst vielen unterschiedlichen Erwartungen gerecht zu werden. Das braucht Dialog. Deshalb ist es eine der zentralen Aufgaben der Regierung, transparent zu kommunizieren und die Standpunkte klar zu machen. Die Einladung zur Predigt in der Johanneskirche am Bettag hat mich denn auch sehr gefreut. Das ist für mich einmal eine andere Form der Kommunikation und gleichzeitig eine neue Herausforderung.

Der Bettag steht in diesem Jahr unter dem Motto „fairantwortlich“. Es spielt mit den Wörtern „fair“, „Verantwortung“ und „ich“. Als Politiker sind Sie es gewohnt, Verantwortung zu übernehmen. Fällt Ihnen das leicht?
Ich würde sagen, ich mache es gern. Aber es fällt mir nicht immer leicht. Es ist schon fast eine philosophische Frage: was ist denn schon ganz leicht im Leben? Verantwortung gehört zu jeder Führungsfunktion. Das hat mit den Entscheidungen zu tun, die man fällen muss. Mir ist bewusst, dass sie nicht immer von allen gleich gut verstanden werden und dass es auch Leute gibt, die durch gewisse Entscheidungen enttäuscht werden. Aber Politik orientiert sich an Mehrheiten. Manchmal braucht es etwas Überwindung und auch Mut hinzustehen und weniger beliebte Entscheidungen zu kommunizieren.

Wo es Mehrheiten gibt, gibt es auch Minderheiten. wie gehen Sie mit dem Bewusstsein um, Minderheiten nicht gerecht werden zu können?
Das ist natürlich nicht immer leicht. Ich erinnere an das Bettagsmotto fairantwortlich! Man muss fair sein und auch unbeliebte Entscheidungen transparent kommunizieren. Doch in einer Demokratie entscheidet nun halt die Mehrheit. Besonders schmerzhaft ist es, wenn die Kräfteverhältnisse sehr ausgeglichen sind. Es tut schon weh, wenn man weiss, dass aufgrund einer Entscheidung relativ viele Leute enttäuscht werden.

In welchen Situationen fällt es Ihnen eher schwer, Verantwortung zu übernehmen?
Das kann ein Personalentscheid oder ein finanzieller Entscheid sein. Entscheide zu fällen, die Menschen enttäuschen, ist auch für Politiker nicht besonders schön. Aber wenn man nach reiflicher Überlegung zu eine Haltung kommt, dann kann man sie auch vertreten, auch wenn es nur eine knappe Mehrheit gibt. Das macht den Alltag manchmal schwierig, solche Entscheide fallen nicht leicht.

Was motiviert Sie dazu, als Regierungsrat Verantwortung zu übernehmen?
Es ist für mich ein Privileg, das Vertrauen der Luzerner Bevölkerung bekommen zu haben, um Verantwortung zu übernehmen und Entscheide fällen zu dürfen. Das motiviert mich enorm. Die Aufgabe als Regierungsrat ist verantwortungsvoll, herausfordernd, vielseitig spannend und lebensnah. Diese Kombination begeistert mich noch heute jeden Tag.

Lebensnah inwiefern?
In fast allen Bereichen. Zum Beispiel im Gesundheitsbereich: Wenn jemand ein gesundheitliches Problem hat, ist diese Person sehr froh, wenn die öffentliche Hand ein funktionierendes Gesundheitswesen zur Verfügung stellt. Wer Kinder hat, ist froh, diese in eine gute Schule schicken zu können. Andere Themen sind Sicherheit oder Mobilität. Ich habe in meinem Amt nicht mit irgendwelchen abstrakten Fragestellungen zu tun, sondern mit Themen, die unsere Bevölkerung direkt betreffen. Für mich ist es Motivation und Genugtuung da mitarbeiten und mitentscheiden zu dürfen.

Bei uns herrscht Trennung von Kirche und Staat. In welchen Bereichen können Kirche und Staat trotzdem gemeinsam Verantwortung übernehmen?
Da gibt es einiges. Deshalb steht mir das diesjährige Bettagsmotto auch so nahe. Kirche und Staat nehmen heute in sehr vielen Bereichen gemeinsam Verantwortung wahr. Gemeinsam kümmert man sich um Menschen in schwierigen Situationen, die Unterstützung und Betreuung brauchen. Ein Leuchtturmprojekt ist die Kirchliche Gassenarbeit. Zu nennen ist beispielsweise auch die gemeinsame Pflege von Sakralbauten. Es gibt viele Berührungspunkte. Die Trennung von Kirche und Staat ist richtig und gut. Gut ist aber auch die einvernehmliche, pragmatische Zusammenarbeit, die wir im Kanton Luzern pflegen.

Ein Berührungspunkt ist die Kirchensteuer, die zusammen mit der staatlichen Steuer erhoben wird. In den letzten Jahren gab es Diskussionen rund um die Kirchensteuer von juristischen Personen. Ist es Ihrer Meinung nach noch gerechtfertigt, dass Unternehmen Kirchensteuern zahlen?
Ich glaube schon. Natürliche und juristische Personen profitieren vom Angebot, das sowohl der Staat als auch die Kirchen zur Verfügung stellen. Ich finde es richtig, dass auch die juristischen Personen finanziell zu sozialen oder kulturellen Leistungen der Kirchen beitragen, die der Allgemeinheit zugutekommen. Die juristischen Personen sind darauf angewiesen, dass wir eine stabile gesellschaftliche Situation haben. Die Unternehmen und die ganze Wirtschaft profitieren von einem guten und geordneten Zusammenleben.

Was bedeutet für Sie fair beziehungsweise Fairness?
Fairness bedeutet für mich, sich bei der Beurteilung einer Situation in die Lage der anderen Beteiligten hineinzuversetzen. Ich frage mich: Wie würde ich die Sache beurteilen, wenn ich auf der anderen Seite stünde? Fairness heisst für mich auch, sich anständig und gerecht zu verhalten.

Was heisst für Sie gerecht?
Das ist schwierig zu definieren, wie Fairness ja auch. Ich glaube, wir alle haben ein tief verankertes Gerechtigkeitsempfinden. Wenn ich mich daran orientiere, dann bin ich auf einem guten Weg. Ebenso wie ich mich an den christlichen Grundlagen orientiere, die ich oben erwähnte habe. Dabei versuche ich, mich in die anderen hineinzuversetzen. Wie kommt das bei ihnen an, was ich im Sinn habe?

Wie gelingt es, in der Politik möglichst fair zu sein? Auch zu seinen politischen Gegnern?
In der Politik steht die Auseinandersetzung im Vordergrund. Es geht darum abzuwägen, auszuhandeln und Mehrheiten zu finden. Jeder versucht, seinen Standpunkt möglichst gut zu vertreten. Letztlich aber entscheiden die Volksvertreterinnen und -vertreter im Parlament, zum Beispiel darüber, wie viele finanzielle Mittel in einen Bereich oder eine Aufgabe fliessen. Da finde ich es fair, wenn man ihnen möglichst transparent die Grundlagen der Entscheidung zur Verfügung stellt. Fair bedeutet für mich auch, dass ich politisch anders Denkende in ihrer Haltung ernst nehme. Die Auseinandersetzung soll sachlich sein. Sie kann durchaus hart geführt werden, soll aber nicht verletzend oder persönlich sein. Ich kann mit jemandem hart diskutieren oder sogar einen politischen Streit haben. Wenn das sachlich geschieht, muss man dabei niemanden verletzen.

Sie haben kürzlich vom Bildungs- ins Finanzdepartement gewechselt. Auf der Internetseite Ihres Departements steht, dass „nur ein finanziell starker Staat ... ein sozialer Staat“ sei. Nun steht die Finanz- und Steuerpolitik des Kantons Luzern immer mal wieder in der Kritik, sie habe zu einem Leistungsabbau unter anderem im sozialen oder kulturellen Bereich geführt. Was halten Sie dem entgegen?
Ich den letzten Jahren war ich selber wiederholt dieser Kritik ausgesetzt. Dabei habe ich versucht, die richtigen Argumente zu finden und offen mit den Leuten zu kommunizieren. Aber dem Staat geht es nun mal gleich wie den Privaten: Man kann nur das ausgeben, was man einnimmt. Nur ein Staat, der über ein gesundes finanzielles Fundament verfügt, kann seinen Verpflichtungen nachkommen. Wir haben viele finanziell anspruchsvolle Bedürfnisse. Ich denke an Gesundheit, Bildung, Sicherheit, Mobilität und so weiter. In all diesen Bereichen haben wir erhebliche finanzielle Leistungen zu erbringen. Das kann nur auf der Basis eines gesunden Finanzhaushalts geschehen. Mein Ziel ist es, die Finanzsituation im Kanton Luzern zu konsolidieren und damit mehr Ruhe, Stabilität und verlässlichere Verhältnisse zu erreichen. Ich glaube, da sind wir auf einem vernünftigen Weg. Die Finanzsituation ist zwar noch nicht so, dass man sagen könnte, alles sei gelöst. Es werden auch in den kommenden Jahren Herausforderungen auf uns zukommen. Aber ich hoffe, dass wir die ganz schwierigen Zeiten hinter uns haben und die in der Vergangenheit teilweise fehlende Verlässlichkeit in Zukunft zum Tragen kommt.

Wo möchten Sie in finanzieller Hinsicht verlässlicher werden?
Dass wir uns an die Planung halten können und nicht, wie das in den letzten Jahren ab und zu vorgekommen ist, kurzfristig unliebsame Korrekturen vornehmen müssen. Kurzfristigkeit erschwert die Kommunikation und macht es für die Betroffenen wird schwierig innert nützlicher Frist zu reagieren.

Der Bettag verliert an Bedeutung. Der Sonntag ist immer mehr unter Druck. Welchen Stellenwert messen Sie dem Sonntag zu?
Ich habe eine prall gefüllte Agenda mit vielen Wochenendterminen. Dennoch bleibt der Sonntag ein Tag, an dem man Zeit für die Familie und sich selbst hat. Auch der sonntägliche Gottesdienstbesuch hat für mich einen zentralen Stellenwert. Der Sonntag ist ein wichtiger Tag, auf den man nicht einfach so verzichten könnte. Ich gehöre auch nicht zu denen, die meinen, die Geschäfte müssten sieben Tage die Woche offen sein. Im Gegenteil, es gibt an Sonn- und Feiertagen ganz viele andere Möglichkeiten als seine Zeit mit Einkäufen zu verbringen. Man kann etwas tun für sich persönlich, die Familie oder die Gemeinschaft.

Ökumenische Matinée zum Bettag:
Sonntag, 15. September, 10.30, Kirche St. Johannes
Details ...

Der Browser, den Sie benutzen, ist stark veraltet. Er besitzt bekannte Sicherheitsschwachstellen und bietet nur begrenzten Komfort. Bitte aktualisieren Sie Ihren Browser hier.