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«Seelsorge soll berühren und nähren» - Auf Wiedersehen, Franz Zemp!

23. März 2021 Von: Urban Schwegler

Franz Zemp hat fast drei Jahrzehnte als Seelsorger in der Katholischen Kirche Stadt Luzern gewirkt, zuletzt als Leiter des MaiHof und Gassenseelsorger. Nach Ostern verlässt er die Stadt, um die Leitung der Pfarreien Sempach und Eich sowie des Pastoralraums Oberer Sempachersee zu übernehmen. Im Interview blickt Franz Zemp zurück auf seine Zeit in Luzern und verrät, was er an seine neue Wirkungsstätte mitnehmen wird.

18 Jahre Seelsorger im MaiHof, davon die meiste Zeit als Pfarreileiter, zuvor von 1993 bis 2000 in der Pfarrei St. Johannes. Mit welchen Gefühlen schauen Sie zurück?
Franz Zemp: Mit Freude, Dankbarkeit, Zufriedenheit und etwas Wehmut. Luzern war für mich ein gutes Pflaster. An meiner ersten Stelle im St. Johannes hatte ich gute Lehrmeister, wenn ich Toni Schmid, Stefan Fuchs oder Paul Vettiger so nennen darf. Sie haben mir viel mit auf den Weg gegeben, vor allem eine offene Haltung, die ich mir angeeignet und auch im MaiHof gelebt habe. Es war und ist mir ein Anliegen, auf die Menschen zuzugehen und ihre Bedürfnisse, auch spiritueller Art, aufzunehmen. Feiern möchte ich zusammen mit den Beteiligten so gestalten, dass sie einen eigenen Zugang finden und etwas für ihren Alltag mitnehmen können.

Inwiefern hat sich die Kirche in der Stadt Luzern in diesen fast drei Jahrzehnten verändert?
Franz Zemp: In der Katholischen Kirche Stadt Luzern gibt es schon seit Längerem und auf vielen Ebenen fortschrittliche und innovative Entwicklungen. Die Zusammenarbeit zwischen den Pfarreien hat sich seit meiner Anfangszeit intensiviert, man denkt heute in gesamtstädtischen Dimensionen. Dazu beigetragen haben die Gründung des Pastoralraums Luzern-Stadt sowie eine neue Gemeindeordnung vor rund zehn Jahren. Dadurch sind Kirchgemeinde und Pastoral näher zusammengerückt. Heute braucht es bei zentralen Fragen einen einvernehmlichen Entscheid beider Leitungsgremien. In meiner Zeit als Vertreter des Pastoralraums im Kirchenrat habe ich diese gemeinschaftlichen Entscheidungsprozesse auf strategischer Ebene sehr zu schätzen gelernt.

Schauen wir auf den MaiHof: 2012/13 wurden die Kirche und das Pfarreizentrum umgebaut und für weitere Nutzergruppen geöffnet. Hat sich der MaiHof so entwickelt wie damals erwartet?
Franz Zemp: Ich darf sagen, dass die Erwartungen sogar übertroffen wurden. Die Nachfrage nach unseren Räumen ist seit der Wiedereröffnung sehr gross. Ob Chöre, Orchester, Vereine, Schulen, öffentliche Institutionen oder NGOs, die verschiedensten Mieter sorgen für einen guten Mix von Veranstaltungen und Anlässen. Besonders der Kirchensaal, aber auch die kleineren Räume sind so gut ausgelastet, dass wir nach einer ersten Betriebsphase zusätzliche Betreuungspersonen anstellen konnten. Ich stelle auch immer wieder fest, dass der MaiHof eine besondere Wirkung auf die Besucherinnen und Besucher hat. Für die wenigstens ist es selbstverständlich, zum Beispiel eine Abschlussprüfung in einer Kirche zu schreiben.

Kann der MaiHof ein Modell für andere Stadtpfarreien und sogar darüber hinaus sein?
Franz Zemp: Die Pfarreien und Quartiere unterscheiden sich teilweise stark voneinander. Deshalb kann das Konzept MaiHof nicht einfach kopiert und anderswo eingepflanzt werden. Tatsache ist jedoch, dass der MaiHof weit über die Grenzen Luzerns hinaus bekannt ist und wahrgenommen wird. Das zeigt sich jeweils, wenn in den Medien oder in Fachkreisen von Kirchenumnutzungen die Rede ist. Das Besondere am MaiHof ist dabei, dass der Kirchensaal nach wie vor eine Kirche im eigentlichen Sinn ist, der noch immer für religiöse Feiern genutzt wird.

Was ist Ihnen in der Rückschau im MaiHof besonders gut gelungen?
Franz Zemp: Die Pfarrei ist im Quartier bestens vernetzt. Wir haben mit vielen Personen und Gruppen zu tun, die nicht kirchlich oder katholisch sind. Ich bekomme immer wieder Rückmeldungen von Kirchenfernen, die sich hier wohl und aufgenommen fühlen, etwa nach Beerdigungen. Viele schätzen den offenen Geist, der beispielsweise aus den Feiern im MaiHof spricht. Ebenso freue ich mich über die Integration von Menschen aus anderen Kulturen. Sie zeigt sich in verschiedenen Gruppen oder bei Anlässen. Zu all dem durfte ich als Pfarreileiter und Mitglied des MaiHof-Teams meinen Beitrag leisten.

Wie wird sich Ihr Abschied vom MaiHof gestalten?
Franz Zemp: Wegen Corona ist ein grösserer Abschied leider nicht möglich. Aber ich werde in der Osternacht und bei mehreren Gottesdiensten am Ostersonntag anwesend sein und Gelegenheit haben, mich vom MaiHof und von den Menschen hier zu verabschieden. Auch wenn das nur im kleinen Rahmen stattfinden kann, mir ist es wichtig, mich auf diese Weise verabschieden zu können.

Die letzten fünfeinhalb Jahre waren Sie zudem Seelsorger der Kirchlichen Gassenarbeit. Bei Ihrem Stellenantritt sagten Sie, dass Sie sich auf viele herzliche und spontane Begegnungen mit den Leuten von der Gasse freuen. Hat sich diese Vorfreude erfüllt?
Franz Zemp: Mehr als das! Die Leute von der Gasse sind originell, erfrischend und manchmal auch unverblümt direkt, ja «fadegrad». Das hat mich am Anfang manchmal irritiert, doch ich habe gelernt, damit umzugehen. Durch ihre schmerzhaften Erfahrungen haben die Gassenleute oft überraschende Ansichten über das Leben und die Gesellschaft. Vielleicht rührt das daher, dass sie alles verloren und nur noch sich selber haben. Für sie gibt es nichts mehr zu verlieren, sie können ihre Meinung ganz ungeschminkt kundtun. Wir anderen verstellen uns im Alltag hingegen oft. Die Unverblümtheit der Randständigen erlebe ich manchmal jedoch etwas zwiespältig. Drogenkonsum und Abhängigkeit führen diese Menschen eher nicht zu sich selbst, sondern zu Entfremdung von sich selbst und von der Gesellschaft.

Werden Ihnen die Begegnungen mit den Menschen am Rand der Gesellschaft künftig fehlen?
Franz Zemp: Ja! Aber diese Begegnungen haben mich geprägt und mir noch deutlicher bewusst gemacht, dass es überall originelle und spannende Leute gibt. Das nehme ich mit für alle weiteren Begegnungen, die mich in Zukunft erwarten.

Werden Sie die Gassenarbeit weiterhin in irgendeiner Form unterstützen?
Franz Zemp: Natürlich werde ich der Gassenarbeit verbunden bleiben. Das christliche Grundanliegen und die Spiritualität, die hinter diesem Engagement stehen, werden mich auch an meinem neuen Wirkungsort begleiten. Ich möchte für die Anliegen und Nöte der Menschen am Rand der Gesellschaft einstehen. Obwohl der Anteil Randständiger an Orten wie Sempach oder Eich klein ist, gehört es doch auch dort zum Christsein, an diese Menschen zu denken und für sie da zu sein, wenn auch nicht direkt.

In Sempach und Eich werden Sie in einem eher ländlichen Umfeld arbeiten. Was hat Sie zum Wechsel von der Stadt aufs Land bewogen?
Franz Zemp: Ich habe Lust, noch einmal etwas Neues anzufangen, an einem anderen Ort etwas zu bewegen und zu bewirken. So betrachtet hat es mich weggezogen oder anders ausgedrückt: zu etwas Neuem hingezogen. Meine bisherigen Erfahrungen nehme ich mit an den Sempachersee, wo ich sie in neuem Umfeld einbringen und weiterentwickeln möchte. Und mein neues Wirkungsgebiet liegt nicht so weit von der Stadt entfernt, wie viele auf den ersten Blick meinen, es hat sogar urbanen Charakter. Die Menschen dort haben ähnliche Fragen und die Herausforderungen für die Kirche sind nicht wesentlich anders als in der Stadt: Wie können wir uns als Christinnen und Christen einbringen? Wie machen wir uns sichtbar? Wie kommen wir in den Austausch mit den Kirchenfernen?

Sie sind bekannt für sorgfältig gestaltete Gottesdienste und Feiern, die von einem achtsamen Umgang mit Worten und Sprache geprägt sind. Welche liturgischen Experimente werden Sie am Sempachersee angehen?
Franz Zemp: Bei früheren Besuchen habe ich erfahren, dass die Menschen in Sempach und Eich sehr offen und engagiert sind. Verschiedenste Gruppen von Freiwilligen bringen sich ein. Mit ihnen zusammen möchte ich Kirche gestalten. Dazu gehört natürlich auch das Gottesdienstfeiern. In der Liturgie werde ich weiterhin Wert legen auf eine gepflegte Sprache und eine Form, die für die Menschen von heute stimmt. Die Mitfeiernden sollen sich darin wiederfinden, sich identifizieren und etwas für ihr Leben mitnehmen können. Ich freue mich, wenn die Menschen durch eine Feier berührt, gestärkt und genährt werden.

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