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Der Luzerner Jurist Loris Fabrizio Mainardi ist auch kirchlich engagiert. Foto: zvg

Wunder erbeten, nicht erzwingen - Die Warntöne der Silvesterchläuse

19. Januar 2022 Von: Loris Mainardi

Loris Mainardi beschreibt in seinem Beitrag, warum die Silvesterchläuse im Appenzellischen entgegen ihrem Namen erst gegen Mitte Januar auftauchen. Davon ausgehend kommt er auf das nicht spannungsfreie Verhältnis der Kirche zu Naturwissenschaft und technischem Fortschritt über die Jahrhunderte zu sprechen, was schliesslich zu äusserst zeitgemässen Fragen rund um die Corona-Pandemie führt und wie gewisse kirchliche Exponenten damit umgehen.

Wenn in den Nächten um den 13. Januar die archaischen Silvesterchläuse singend durch die ausserrhodischen Täler Appenzells ziehen, scheinen sie dem neuen Jahr hinterherzuhinken. Tatsächlich bewegen sie sich wenn nicht in einem zeitfreien, so doch «zwischenzeitlichen» Raum, der vor rund 400 Jahren gleichsam durch geistliche Hand erschaffen wurde:

Was orthodoxe Christen und ausserrhoder Chläuse gemeinsam haben

Nachdem die Astronomen der Renaissance 1582 festgestellt hatten, dass – wegen Asynchronität von Eigen- und Sonnenrotation der Erde – die Julianischen Kalenderjahre um 11 Minuten zu lang waren, promulgierte Papst Gregor XIII., die seit Römischer Kaiserzeit überzähligen 10 Tage kurzerhand ausfallen zu lassen. Zudem sollten fortan nur noch die durch 400 teilbaren «Zentenarien» Schaltjahre sein – so 1600 und 2000, nicht aber 1700, 1800 und 1900. Den damaligen konfessionellen Gegensätzen entsprechend, folgten die katholischen Länder der römischen Verordnung mehr oder weniger sofort, während protestantische und orthodoxe Kirchen und Staaten renitent am alten Kalender festhielten – Russland bis 1918, die Ostkirchen bis heute. In der Schweiz gehorchten die sieben katholischen Orte in einer langen Nacht vom 12. auf den 22. Januar 1584. Auch das damals konfessionell, aber noch nicht staatlich getrennte Appenzell führte den neuen Kalender trotz heftigen Widerstands ausserrhodischer Prediger ein. Nach der Landesteilung 1597 trat das protestantische Ausserrhoden konsequenterweise eine 10-tägige Zeitreise in die Vergangenheit an, aus welcher es erst 1798 zurückkehrte, als der helvetische Zentralstaat die Einführung des neuen Kalenders verordnete (ein ähnliches Schicksal ereilte die katholischen Innerrhödler bekanntlich rund 200 Jahre später, da sie zwar nicht den Kalender, jedoch das Frauenstimmrecht abgelehnt hatten). Weil sich die Kalenderdifferenz bis heute wegen den erwähnten drei ausgefallenen Schaltjahrestagen auf 13 Tage vergrössert hat, feiern orthodoxe Christen Weihnachten am 7. Januar und verkünden eben unsere Ausserrhoder Chläuse das neue Jahr erst am 13. Jänner.

Kirchlicher Dialog mit den Naturwissenschaften

Heuer vermögen sensible Zeitgenossen in ihren naturtonalen Weisen eigentliche Sirenengesänge zu hören. Gefahr droht dabei nicht von gepflegter Tradition des Althergebrachten, sondern von neu angestimmten Hymnen des Reaktionismus: Wenn der ehemalige Generalvikar des Bistums Chur in seiner in der NZZ erschienenen Neujahrspredigt (www.nzz. ch/feuilleton/corona-hat-die-menschheit-gekraenkt-die-kirche-sagt-dazunichts-ld.1663360) der Kirche Kapitulation vor einem gescheiterten «Fortschrittsoptimismus» vorwirft und sie auf ihre Transzendenzfunktion, mithin in himmlische Schranken verweisen will, scheinen er und die Seinen gewisse Lehren der Kirchengeschichte zu ignorieren. Eine solche wäre gerade das Beispiel der Gregorianischen Kalenderreform: Die den Naturwissenschaften auf Augenhöhe begegnende Kirche, die vor 400 Jahren den damals «unerhörten» Schritt wagte, zehn Tage des Kalenders auszulassen, weil die rationalen Fakten solches erforderten, wusste dabei sehr wohl zwischen den messbaren Zeitdimensionen des Chrónos und den unermesslichen des heilsgeschichtlichen Kairós zu unterscheiden. Dabei stand sie denn auch mehr in der historischen Tradition als jene Kirche, die nur wenige Jahre später Galileo Galilei den Prozess machte. Schon die Kirchenväter suchten in Anlehnung an den Prolog des Johannes-Evangeliums, den Lógos der griechischen Philosophie mit dem «Fleisch gewordenen Wort» des Schöpfergottes zu verbinden. Das durchwegs Aristoteles verpflichtete Werk Thomas von Aquins, des katholischen «doctor ecclesiae» schlechthin (und seinerseits Schüler von Albert dem Grossen, eines nicht nur der bedeutendsten Philosophen, sondern eben auch Naturforscher des Mittelalters) resultiert darin, wissenschaftliche Ratio und kirchliches Dogma wohl voneinander abzugrenzen, keinesfalls aber gegeneinander auszuspielen. Einem andauernden «dunklen Mittelalter» der Kirche leuchten das in vormoderner Zeit ausschliesslich in den Klöstern tradierte antike Wissen ebenso entgegen wie später die wissenschaftlich-religiösen Grenzgänge eines Nikolaus von Kues oder Blaise Pascal. Der von Leo XIII. Ende des 19. Jh. begonnene Dialog der Kirche mit den modernen Naturwissenschaften führte 1936 konsequenterweise zur Gründung der – bis heute bestehenden – Pontificia Academia Scientiarum, während die 1992 erfolgte «Rehabilitierung» Galileis durch Johannes Paul II. nur von (intellektuellen und anderen) Boulevardpressen zur entsprechend späten Anerkennung des Geozentrismus durch die Kirche plakatiert wurde.

Dem Verdacht ausgesetzt, Gott auf die Probe zu stellen

Die überwiegende kirchliche Lehrtradition sieht keine Feindschaft zu Naturwissenschaft und technischem Fortschritt. Wenn es auch Aufgabe der Kirche ist, an letzteren kritische Fragen zu stellen, widerspricht die im Vatikan verordnete Impfpflicht diesem Gebot genauso wenig wie die Aussage von Papst Franziskus, Impfen sei in dieser Pandemie eine moralische Pflicht. Kritiker wie der Churer Ex-Generalvikar Grichting (der die Kirche der Wissenschaftsgläubigkeit bezichtigt) oder Ex-Weihbischof Eleganti (der propagierte, die zum Leib Christi gewandelte Hostie töte Coronaviren ab) müssen sich nicht nur dem Vorwurf des Reaktionismus stellen. Sie machen sich auch verdächtig, mit einem dogmatisch falschen – und interessanterweise materialistischen – Sakramentalverständnis Gott auf die Probe zu stellen: Es ist etwas Anderes, in einer AUSWEGLOSEN Situation Wunder zu ERBETEN als in einer VERMEIDBAREN Lage Vorsichtsmassnahmen zu missachten und Wunder zu ERZWINGEN. Ob es dabei Zufall oder gar göttliche Strafe war, als Erzbischof Haas im Advent an COVID erkrankte, muss anderen Beurteilungsinstanzen überlassen werden.

Traditionen erhalten und aus ihnen lernen

Derweil mahnen die tanzenden Silvesterchläuse mit ihren Schellen noch an einen zweiten Problemkomplex: Jenen ihrer Innerschweizer Freundeidgenossen, welche zumindest im vergangenen Dezember weniger dem als Samichlaus verkleideten Heiligen Nikolaus als anderen – bisweilen nicht minder bebarteten – Chläusen hinterherliefen. Ihre dröhnend «trychlenden» Kuhglocken sollten, freilich unter Jochen getragen, diffus zu verortenden partikularistischen Freiheitsverständnissen läuten. Auch hier mögen warnende Läutzeichen zu vernehmen sein: Denn in der wohl nicht überwiegenden, aber ausserordentlich starken Pandemiemassnahmen-Skepsis der zeitgenössischen Schweizer Landbevölkerung scheint eine ähnliche Faktenignoranz bzw. -alternativität aufzutreten wie in jener der protestantischen Stände, die vor 400 Jahren den neuen Kalender ablehnten. Nur dass diesmal das abzuwehrende Unheil nicht vom ultramontanen «Rom unten», sondern vom bürokratischen «Bern oben» herzuziehen droht. Auch wenn es dieses Mal nicht 200 Jahre dauern kann und wird, bis die verordneten Massnahmen auch in den entferntesten Bergtälern umgesetzt werden, steht die wahrzunehmende Renitenz paradigmatisch für zweierlei: Einerseits für heute nicht mehr konfessionell, sondern strukturell gezogene Trennlinien einer Entfremdung der von Bevölkerungsrückgang und Überalterung gezeichneten Landregionen von den aufstrebenden städtischen Agglomerationen; andererseits für die fehlende Weitsicht jener, die der Normativität des Faktischen zu trotzen trachten, indem sie über die Gefährlichkeit eines Pandemievirus wie ein von der Lebenserwartung eingeholtes Rentenalter genauso demokratisch abstimmen wollen wie einst ihre Väter über die überfällige Kalenderreform.

Sowohl kirchlich-religiös wie staatspolitisch aufmerksamen Geistern haben die Silvesterchläuse ihre besondere Neujahrsbotschaft zu überbringen. Sie kann zeitlos lauten, dass eigentlicher Konservatismus Traditionen erhält, indem er aus ihnen lernt.

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