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Schaufenster

Auf der Suche nach den gemeinsamen Wurzeln

3. September 2019 Von: Winfried Adam

Jüdischer Friedhof Randegg | Alte Synagoge und alte jüdische Schule Gailingen

Unmerklich fahren wir vom Samstagmorgen hinüber in den Sabbat, den jüdischen Ruhetag, aus dem unser Sonntag wurde. „Schabbat“, das heisst „aufhören“. So wie Gott nach dem Schöpfungsbericht der Bibel am siebten Tag aufgehört hat mit Schöpfen, so soll auch der Mensch an einem Tag der Woche aufhören mit all seiner Arbeit und diesen Tag zu einem heiligen Tag machen. Ein Zusammenhang unter vielen, der das Judentum mit dem Christentum verbindet.

Es ist unser erster RU-Blocktag in diesem Schuljahr. Edi Ludigs von der Katechetischen Arbeitsstelle Schaffhausen, katholischer Theologe und exzellenter Kenner des Judentums, ist unser Referent und Begleiter an diesem letzten Sommertag 2019. Erstes Ziel unserer Reise: der jüdische Friedhof von Randegg (D). Es ist, als würden uns die Grabsteine direkt anschauen, als wir auf den friedlich daliegenden Hügel zugehen. Doch sie schauen auch über uns hinaus, Richtung Jerusalem, wie das auf jedem jüdischen Friedhof üblich ist.

Es ist ein anderer Friedhof, als wir es gewohnt sind. Herr Ludigs übersetzt für uns die Lebensgeschichten, die in hebräischen Schriftzeichen auf den Grabsteinen stehen. So menschlich, so tief, so bewegend, dass wir wie gebannt sind.

Das ist auch (Religions-) Unterricht der anderen Art, die wir in den Schulhäusern Maihof und Felsberg pflegen wollen. Wir, das sind die Religionslehrpersonen Regula Keiser (Schulhaus Felsberg), Carole Müller-Buess (Schulhaus Maihof) und Winfried Adam (Schulhäuser Felsberg und Maihof).

Das Fragen ist eine alte Tradition im Judentum, und die Schülerinnen und Schüler nutzen immer wieder die Gelegenheit, um mehr zu erfahren. Auch im Neuen Testament wird Jesus immer wieder gefragt. Ohne Fragen keine Erkenntnis. Das Neue Testament, so Ludigs, sei insgesamt eine weitere Auslegung der jüdischen heiligen Schriften. Wir fühlen uns verbunden mit der jüdischen Religiosität und Weisheit.

Auf unserem Ausflug stossen wir auf erschütternde Zeugnisse der Gewalt gegen Juden. Aber auch auf Versuche der Aufarbeitung und Wiedergutmachung. In Gailingen besuchen wir den alten Synagogenvorplatz und, genau gegenüber, die alte jüdische Schule. Glauben und Wissen ergänzen sich hier an einem Ort.

Die Schule ist heute ein eindrückliches Museum, mit jüdischen Kult- und Alltagsgegenständen, zeitgeschichtlichen Dokumenten und dem Leopold-Guggenheim-Saal mit dem Mobiliar des Gebetsraums der jüdischen Gemeinde Kreuzlingen. Wir rollen die Torarolle auf und lesen.

Singen und Tanzen gehörte und gehört in den jüdischen Gottesdienst. Ludigs ist in seinem Element. Und wir klatschen alsbald mit.

Im Untergeschoss des Gebäudes bestaunen wir das erhalten gebliebene jüdische Ritualbad, die Mikwe.

Unser gemeinsames Picknick am Rhein erinnert an die Speisung der Fünftausend. Wir sind glücklich.

Ein ganz grosser Dank an Edi Ludigs, dem es gelungen ist, uns die Religion näher zu bringen, aus der wir gewachsen sind. „Wer dem Sabbat gibt, dem gibt der Sabbat zurück“, so Ludigs. Uns hat er ganz viel zurückgegeben. Unsere Wurzeln – und einen wunderschönen, lehrreichen und inspirierenden Ausflugstag.

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