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Von Herzblut und Tränen. Zwei Seelsorgern zum Abschied

1. Juli 2015 Von: Urban Schwegler

Beat Jung (65) und Alois Metz (44) nehmen Ende Juli Abschied von ihren langjährigen Wirkungsstätten. Beat Jung als Pfarrer von St. Leodegar, Alois Metz als Pfarreileiter von St. Johannes. Lesen Sie hier das vollständige Interview mit den beiden Seelsorgern aus dem Pfarreiblatt 14/2015.

Pfarreiblatt: Alois Metz, Sie haben Ihre Stelle als Gemeindeleiter von St. Johannes 2006 angetreten. Sie, Beat Jung, sind seit 2003 Pfarrer von St. Leodegar. Was hat sich seither in der Luzerner Kirche getan?
Beat Jung: Als ich angefangen habe, traf ich in der Stadt Luzern auf eine grosse kirchliche Vielfalt. Diese ist noch immer vorhanden, aber es hat sich doch auch einiges verändert. Die Pfarreien arbeiten vermehrt zusammen, etwa in der Sozialarbeit oder bei den Jugendangeboten. Auch haben die Pfarreien ihre Profile geschärft und setzen gezielt Schwerpunkte, St. Leodegar zum Beispiel bei der Musik und beim Tourismus.
Alois Metz: Ich freue mich, dass der Kirchenbesuch im St. Johannes seit 2006 noch immer gleich gut ist. Es gelingt also noch immer, Menschen in die Kirche, in den liturgischen Raum zu bringen. Ich denke zum Beispiel an die Feiern der Maua-Sonntage. Wir pflegen seit rund 40 Jahren eine starke Verbindung zu Ordensschwestern in Tansania. Daran beteiligen sich auch viele Junge. Mit ihnen bin ich zweimal nach Afrika gereist. Das war für mich jedes Mal eine grosse Bereicherung.

Es gelingt also nach wie vor, Jugendliche für Kirche zu motivieren?
Alois Metz: Auf jeden Fall! Vor allem mit handfesten Projekten, wo sie sich einbringen können. Ich finde es schade, wenn Kirche nur noch als alt wahrgenommen wird. Die Frage, wie man Jugendlichen Kirche nahe bringen kann, hat mich bei meiner Arbeit immer begleitet. Ein grosses Problem dabei ist, dass sich in der römischen Kirche in Bezug auf die Sexualmoral oder die Frauenfrage kaum etwas bewegt hat. Vieles davon können Jugendliche heute schlicht nicht mehr nachvollziehen. Da ist die Kirche weit weg von der Wirklichkeit der Jungen. Umso wichtiger sind deshalb die persönlichen Begegnungen, zum Beispiel in Gesprächen über Sinn und Halt im Leben.

Also findet Kirche wesentlich auf der Ebene von persönlichen Begegnungen statt?
Beat Jung: Als Seelsorger bin ich stark geprägt von Begegnungen mit verschiedensten Menschen. Im Hof treffe ich Leute von überallher. Sie kommen aus der ganzen Stadt und weit darüber hinaus zu uns. Manchmal staune ich, von wie weit her viele Gottesdienstbesucherinnen und -besucher regelmässig anreisen. Besonders für spezielle Anlässe. An Fronleichnam habe ich mit Leuten gesprochen, die extra aus dem Bernbiet nach Luzern fuhren.
Alois Metz: Zu uns kommen die Leute aus dem Quartier. Der Würzenbach ist ein Dorf am Rand der Stadt. Das ist eine grosse Chance. Es erlaubte mir in den letzten Jahren, viele gute und tragende Kontakte zu knüpfen und zu pflegen. Und mittlerweile kenne ich 95 Prozent der Leute, die den Sonntagsgottesdienst besuchen.
Beat Jung: Wirklich? Das beeindruckt mich. Das ist bei uns ziemlich anders. Obwohl auch wir ein treues Stammpublikum haben. Aber bei grossen Gottesdiensten, wenn die Kirche voll ist, kenne ich längst nicht alle Gesichter. Das ist auch gar nicht möglich in einer Zentrumspfarrei wie dem Hof.

Alois Metz, auch die Pfarrei St. Johannes hat in den letzten Jahren über ihre Grenzen hinaus von sich reden gemacht, vor allem mit Konzerten und Kunstprojekten. Wie ist Ihnen das gelungen?
Alois Metz: Ich wollte Akzente setzen. Ich bin nicht einer, der sein Licht unter den Scheffel stellt. Manchmal war ich laut, um gehört zu werden. Die Kirche wird nicht wahrgenommen, wenn sie ihre Stimme nicht erhebt. Dieses Lautsein ist mit ein Grund, warum ich als Pfarreileiter aufhöre. Es ist anstrengend, laut zu sein. Nun freue ich mich auf eine Zeit, in der in etwas leiser sein darf.

Können Sie das überhaupt?
Alois Metz: Unbedingt! Man kann nicht immer laut sein, es macht müde und reibt auf. Ich habe ab und zu auch unter verletzenden Reaktionen gelitten. Jetzt trete ich gerne in den Hintergrund.

Beat Jung, als Pfarrer von St.Leodegar standen auch Sie oft im Rampenlicht. Sie waren regelmässig in den Medien. Werden Sie es vermissen, künftig weniger in der Öffentlichkeit zu stehen?
Beat Jung: Nein. Ich bin gar nicht so der Mensch für die Öffentlichkeit. Ich war jedes Mal leicht nervös, wenn das Fernsehen da war.
Alois Metz: Am Bildschirm hat man das aber nicht gemerkt. Du kamst immer sehr gut an!
Beat Jung: Danke! (lacht)

Auf welche Momente ihrer Zeit als Pfarrer beziehungsweise Gemeindeleiter blicken Sie besonders gerne zurück?
Beat Jung: Auf die Gottesdienste. Zum einen die Festtage mit schöner Musik und festlicher Liturgie. Zum anderen auf die schlichteren Feiern der meditativen Gottesdienste und die ganz normalen Werktagsgottesdienste. In Erinnerung bleiben mir einige besondere Beerdigungen wie zum Beispiel diejenige von Josi Meier im 2006.
Alois Metz: Ich durfte viele besondere Momente erleben, zuletzt das Pfingstfestival mit der bekannten österreichischen Sängerin Angelika Kirchschlager. Überhaupt habe ich viele spannende Menschen kennengelernt wie Arno Grün oder Konstantin Wecker. Zwischen Wecker und mir ist in den letzten Jahren eine tiefe Freundschaft entstanden. Da waren auch viele gute Gespräche mit einfachen Menschen. Wenn ich jemandem die Kommunion bringe, der schwer krank ist und doch nicht jammert, beeindruckt mich das. Da nehme ich auch etwas mit für mich. Vielleicht gelingt mir das auch mal so gut.

Gab es auch Enttäuschungen?
Alois Metz: Enttäuscht war ich, dass das von mir initiierte Passionsspiel nicht stattfinden konnte. Allein die vielen Arbeitsstunden, die da drauf gegangen sind! Aber das musst du wegstecken und daraus lernen. Eine andere Enttäuschung ist die Verhärtung der Fronten zwischen sogenannt konservativen und fortschrittlichen Katholiken. Ich wünschte mir einen Aufbruch und mehr Verständnis für neue kirchliche und gottesdienstliche Formen.
Beat Jung: Mich beschäftigt, dass ich als Priester nicht überall dort sein konnte und kann, wo ich gebraucht werde. Ich kann einfach nicht alle Anfragen für Gottesdienste annehmen.

In Ihren beiden Pfarreien spielen Musik und Kultur eine tragende Rolle, wenn auch in unterschiedlicher Weise. Was bedeutet Ihnen die Musik?
Beat Jung: Für mich ist die Musik eine Sprache, nicht aus Worten, sondern der Stimmungen und Gefühle. Mich fasziniert es, wenn sich Musik und Wort im Gottesdienst ergänzen und ein gelungenes Ganzes ergeben.
Alois Metz: Mit der Sprache kommst du an eine Grenze, die die Musik überschreiten kann. Ich gestalte gerne Gottesdienste, bei denen die Musik im Zentrum steht. Kurze Texte und Symbolhandlungen unterstreichen die Aussage der Musik. Dabei geht es weniger darum, Antworten zu geben, als vielmehr Fragen zu stellen. Die Antworten sollen die Menschen selber suchen. So sage ich in der Kirche auch nie Amen, denn das heisst «so sei es» und ich weiss ja gar nicht, wie es ist.

Suchen die Menschen nicht gerade bei der Kirche Antworten auf ihre Fragen?
Alois Metz: Ich kann die Menschen auf ihrer Suche unterstützen, aber fixfertige Antworten kann und will ich ihnen nicht präsentieren. Das wäre zwar bequem, aber viel zu einfach.
Beat Jung: Ich versuche, von der Bibel her Antworten zu finden und auch zu begründen. Die sind aber nie absolut. Trotzdem bleibe ich beim Amen.

Alois Metz, wie würden Sie Beat Jung in kurzen Worten charakterisieren?
Alois Metz: Beat ist für mich ein Seelsorger und Priester mit grosser Offenheit. Er ist kommunikativ und gesellig und nimmt die Menschen ernst. Er hat Humor, ist bodenständig und verlässlich.

Beat Jung, was zeichnet Alois Metz aus?
Beat Jung: Alois besitzt eine sehr aktuelle Sprache, verständlich für die Menschen von heute. Er formuliert prägnant und kann Kirche gut in Szene setzen. Persönlich schätze ich seine Gemütlichkeit und sein waches Gespür für Kunst und Kultur.

Welche Flasche Wein würden Sie sich gegenseitig zum Abschied schenken?
Beat Jung: Auf jeden Fall etwas Kräftiges, einen roten Spanier oder einen Italiener. Vielleicht aber hätte er lieber ein Bier!?
Alois Metz: Ein Bier geht immer! Schenken würde ich Beat aber einen selten gewordenen deutschen Rotwein, nämlich einen Frühburgunder aus der Ahr bei Köln. Das ist ein feiner und edler Wein und passt perfekt zu Beat Jung.

Wie werden Sie Ihren letzten Arbeitstag verbringen?
Beat Jung: Ich werde an diesem Tag wohl noch die Abendmesse halten. Das wird für mich ein schöner Abschluss sein. Der Abschied aber wird mir sicher nicht leicht fallen.
Alois Metz: Bis am 31. Juli muss ich das Büro geräumt haben. Wenn das erledigt ist, werde ich mit Tränen in den Augen den Schlüssel abgeben. Es wird mir schon weh tun, die letzten Jahre waren eine sehr intensive Zeit.
Beat Jung: Und du hast so viel Herzblut in deine Arbeit hineingelegt!
Alois Metz: Wir beide haben viel Herzblut in unsere Aufgaben gelegt. Da muss der Abschied einfach schmerzen.

Welchen Traum möchten Sie in Ihrem Leben noch verwirklichen?
Alois Metz: Zurzeit studiere ich noch Kulturmanagement. Auf diesem Hintergrund hätte ich unheimliche Lust, mit ganz schwierigen Menschen, die kaum mehr Kontakt zur Aussenwelt haben – wie Schwerverbrecher und Mörder –, Theater zu spielen, Kunstprojekte zu realisieren oder zu Musik machen. Auf diesem Weg möchte ich mit ihnen zusammen ihre Gefühle neu entdecken.
Beat Jung: Ich möchte das, was mich in meinem kirchlichen Dienst trägt, noch intensiver vermitteln können. Ich erlebe immer wieder, dass es nicht so leicht ist, die Kraft und die Freude des Evangeliums so weiterzugeben, wie ich es möchte.


Zu den Personen

Beat Jung (geboren 1950) war von Dezember 2003 bis Ende Juli 2015 Pfarrer in der Pfarrei St. Leodegar im Hof. Ab 1. November wird er als Priester im künftigen Pastoralraum Rontal (Ebikon, Buchrain, Root) mitwirken.

Alois Metz (geboren 1970) war von Augst 2006 bis Ende Juli 2015 Pfarreileiter in der Pfarrei St. Johannes im Würzenbachquartier. Seine berufliche Zukunft steht noch nicht fest. Dazu sagt Alois Metz: «Noch immer gilt für mich Hilde Domins wunderbarer Satz: ‹Ich setzte meinen Fuss in die Luft und sie trug.› Davon lasse ich mich gerne inspirieren.»

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