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Mentona Moser (rechts) mit ihrer älteren Schwester Fanny. © Stadtarchiv Schaffhausen

Buchbesprechung: «Tochter des Geldes» von Eveline Hasler

28. März 2019 Von: Daniel Lay

Mit Mentona Moser porträtiert die Schriftstellerin Eveline Hasler in ihrem neuen Roman «Tochter des Geldes» eine Frau, die sich trotz zahlreicher politischer und persönlicher Enttäuschungen unerschrocken für eine gerechte Welt einsetzt.

«Nein, ich träume von einer gerechteren Welt», antwortet Mentona Moser, der Hauptfigur aus Eveline Haslers neuem Roman «Tochter des Geldes», auf die Frage, ob sie von einem Prinzen träume. Eine überraschende Antwort, wenn man bedenkt, dass die Antwortende Mentona Moser – der Titel des Buches deutet es an – einer der reichsten Familien der Schweiz entstammt. Eine Erklärung für diesen Gerechtigkeitssinn könnten die zahlreichen persönlichen und politischen Ungerechtigkeiten sein, die Mentona Moser erdulden musste, sich von diesen aber nie unterkriegen liess.

Flucht vor der Mutter nach London

Und diese Ungerechtigkeiten beginnen früh, eigentlich mit der Geburt: Denn nur wenige Tage nach Mentonas Geburt 1874 stirbt ihr Vater Heinrich Moser, der mit Uhrenfabriken in Russland ein Vermögen gemacht hat. Das fatale für Mentona dabei ist: Ihre Mutter ist davon überzeugt, dass ihr Mann nur verstorben ist, weil sie sich wegen der Geburt der Tochter nicht um ihn hatte kümmern können. In der Folge ist sie unfähig, ihre Tochter zu lieben, so dass Mentona mit ihrer älteren Schwester eine einsame und freudlose Kindheit auf dem Schloss auf der Halbinsel Au im Zürichsee verbringt. Abwechslung bietet höchstens die Natur auf der Au, so dass es nicht überrascht, dass Mentona – durchaus unüblich für die Zeit – ein Studium der Zoologie beginnt. Erst in Zürich, dann - um vor der Mutter zu flüchten - in London. In London – mit der Not der Arbeiterklasse konfrontiert – wechselt sie das Studienfach: Sozialarbeit. Nach mehreren Jahren Arbeit in den Arbeiterquartieren London kehrt Mentona Moser 1903 in die Schweiz zurück und engagiert sich auch hier für die Arbeiterklasse. Auf ihre Initiative hin werden beispielsweise die ersten Spielplätze in Zürich gebaut.

Doch wieder kommt es zu persönlichen Enttäuschungen: Ihr Mann, den sie bei der Arbeit kennengelernt hat, lässt sie nach wenigen Ehejahren mit zwei kleinen Kindern sitzen und weigert sich Alimente zu zahlen. Da auch die Mutter, die mit dem Lebensweg ihrer jüngeren Tochter nicht einverstanden ist, den Geldhahn zudreht, kann sich die Tochter aus einer der reichsten Familien der Schweiz während Jahren nur knapp über Wasser halten.

Das Kinderheim in Russland

Neben den persönlichen muss Mentona Moser auch noch politische Enttäuschungen verkraften, gibt aber wie im persönlichen nicht auf: Enttäuscht von der Politik der Sozialdemokraten gehört Mentona Moser zu den Gründungsmitgliedern der Kommunistischen Partei in der Schweiz. Wird aber auch hier wieder enttäuscht: Mit dem Erbe ihrer Mutter macht sich Mentona Moser 1928 daran in Sowjetrussland, dem Land, das ihren Vater reich gemacht hat, ein Kinderheim aufzubauen. Dabei muss sie miterleben wie unter Stalin Überwachung und Terror zunehmen und viele Hoffnungen der Kommunisten aus aller Welt auf einen Neuanfang im Keim erstickt werden.

Es ist ein extrem ereignisreiches und beeindruckendes Leben, das Eveline Hasler auf rund 260 Seiten zusammenfasst, wobei eine Erkenntnis aus dem Buch auch als Erzählmaxime dienen könnte: «Die Landschaft einer biografischen Erinnerung ist voller Unregelmässigkeiten. Da vergrössern sich Ereignisse bei intensiver Betrachtung wie unter der Lupe. Da sind aber auch Jahre, die aus der Distanz wegrücken und zu schmalen Zeitläufen versickern.» Auch Hasler lässt Jahre im Leben von Moser zu «schmalen Zeitläufen versickern», um wichtige Szenen und Ereignisse – manchmal fast wie Szenen eines Theaterstücks – «unter der Lupe» betrachten zu können. Das ist dann grossartig, wenn diese Szenen mehr zeigen als die eigentliche Handlung: So vermittelt das Kapitel «Michail, der russische Bauer und Nachbar» einen eindrückliches Bild des Terrors der Stalin-Ära. Manchmal ist es aber etwas viel: Etwa wenn in einem Kapitel dieses an prominentem Personal reichen Buches noch das Liebesleben des Malers Ferdinand Hodler ausgebreitet wird.

Nichtsdestotrotz ist Eveline Haslers Buch «Tochter des Geldes» ein faszinierendes und lesenswertes Porträt einer heute in der Schweiz zu Unrecht vergessenen Frau.


Lesung mit Eveline Hasler

Freitag, 29. März, 20.00, Peterskapelle, Details

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