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Buchtipp: «Elefanten im Garten» von Meral Kureyshi

15. Juni 2019 Von: Daniel Lay

In kleinen Szenen behandelt die Autorin Meral Kureyshi in «Elefanten im Garten» in einer poetisch-dichten Sprache grosse Themen wie Migration oder der Tod eines geliebten Menschen.

Es ist ein schmales Buch, das Meral Kureyshi mit «Elefanten im Garten» vorlegt, nicht einmal 150 Seiten lang. Ein schmales Buch, das zudem so gewichtige Themen aufgreift wie den Tod des Vaters oder die Migration der Familie aus dem Kosovo in die Schweiz. Wenn man dann noch die Autorenangaben mit den Informationen zur Ich-Erzählerin vergleicht und feststellt, dass es viele Parallelen gibt (beide in Prizren im Kosovo als Angehörige der türkischen Minderheit geboren, beide mit zehn in die Schweiz geflüchtet), der Text also wahrscheinlich autobiographisch gefärbt ist, stellt man sich unweigerlich die Frage: Kann das gut gehen? Kann dieses dünne Buch diese grossen Themen stemmen, erst recht, da es offensichtlich autobiographisch ist?

Verspielte Verdichtung von Sprache

Die Zweifel verfliegen schon auf den ersten Seiten, wenn man liest, wie die Ich-Erzählerin die Tasche der Mutter beschreibt: «Der Reissverschluss sieht wie eine Wunde aus, eine Wunde, die genäht, deren Fäden jedoch nicht gezogen wurden.» (Seite 5) Der Roman «Elefanten im Garten» ist in einer überaus poetischen, bildhaften Sprache verfasst. Einer Sprache, die mit ihrer verspielten Verdichtung einerseits den geringen Umfang des Werks erklärt, andererseits auch zum langsamen Lesen zwingt.

Ein weiterer Punkt, der die Kürze des Textes erklärt, aber wiederum das Lesetempo drosselt, ist der Aufbau des Romans: Meral Kureyshi liefert nämlich keine chronologische Erzählung der Ereignisse, sondern vielmehr skizzenhafte Einzelszenen, die assoziativ miteinander verknüpft sind und in denen die Zeitform oftmals den einzigen Anhaltspunkt zur Einordnung bietet: Szenen im Präsens spielen in der Gegenwart, also als die Ich-Erzählerin nach dem Tod des Vaters nach Halt sucht. Szenen im Präteritum spielen dagegen in der Vergangenheit, also in der frühen Kindheit im Kosovo oder in der Schweiz nach der Flucht.

So wecken auf der Gegenwartsebene Präsenz-Listen, die in der Uni-Vorlesung herumgereicht werden, bei der Ich-Erzählerin Erinnerungen an eine Telefonliste, die in der Primarschule herumgereicht wurde. Eine Liste, in die sie keine Telefonnummer eintragen konnte, weil ihre Familie anfangs keinen Telefonanschluss hatte. Es sind diese kleinen und leisen Szenen, mit denen Kareyshi dennoch eindrucksvoll zeigt, wie schwierig die Integration in ein fremdes Land ist.

Mutter spricht die Muttersprache nicht

Und so gäbe es trotz der Kürze des Buches wegen der gewählten Struktur noch eine Menge gelungene Szenen und Themen anzusprechen: Etwa, dass im Roman Geschichten eine wichtige Rolle spielen. So geht der Titel «Elefanten im Garten» darauf zurück, dass die Ich-Erzählerin nach den Ferien in der Primarschule die Geschichte erfindet, in Prizren hätten sie Elefanten im Garten, da sie sonst nichts zu berichten hat. Oder dass die (Mutter-)Sprache die Ich-Erzählerin von ihrer Mutter entfremdet. So sagt die Mutter einmal über ihre Familie: «Ihr alle versteht mich nicht, und ihr redet eine andere Sprache als ich. Die Schweiz hat uns zu Fremden gemacht.» (Seite 116) Oder die Ich-Erzählerin: «Ich mag die deutsche Sprache nicht; sie ist meine Muttersprache. Meine Mutter spricht kein Deutsch.» (Seite 135)

Die Gefahr beim von Kureyshi gewählten assoziativen, skizzenhaften Erzählstil ist allerdings, dass sich beinahe beliebig Szenen und Themen ergänzen lassen. Auch bei «Elefanten im Garten» ertappt man sich manchmal bei der Frage, weshalb jetzt dieser oder jener Abschnitt Eingang in den Text gefunden hat. Allerdings kann man bei der poetisch-dichten Sprache nie ganz ausschliessen, dass der Fehler bei einem selbst liegt: Vielleicht hat man etwas überlesen. So ist das – wenn überhaupt – nur ein kleiner Kritikpunkt. Denn Meral Kureyshi gelingt es mit ihrem assoziativen Erzählstil, der mühelos von einem Satz zum nächsten Zeiten und Ländergrenzen überspringt, in kleinen Szenen grosse Themen wie Tod oder Migration zu behandeln.


Im Rahmen der Ausstellung «Swissoil in Kosovo» in der Peterskapelle liest Meral Kureyshi aus ihrem Roman «Elefanten im Garten».

 

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