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Über fast ein Drittel der gesamten Freizeit entscheiden die Jugendlichen spontan. Foto: Lucia Sidler

Jugendfreizeit unter der Lupe

28. August 2019 Von: Urban Schwegler

Wie verbringen Luzerner Jugendliche ihre Freizeit? Lucia Sidler, Praktikantin der Offenen Jugendarbeit, wollte es genau wissen und hat 232 Oberstufen- und 55 Primarschülerinnen und -schüler befragt. Ein überraschendes Ergebnis: Die Jugendlichen verfügen über mehr unverplante Zeit als erwartet.

Sie haben rund 290 Schüler/innen des Oberstufenzentrums Utenberg und der 6. Primarklasse der Schulhäuser Würzenbach und Büttenen zu Ihrem Freizeitverhalten befragt. Welche Freizeitaktivitäten sind bei den Luzerner Jugendlichen am beliebtesten?
Lucia Sidler:
Der grösste Anteil ist unverplante Zeit (29 Prozent), die zum „Chillen“ und für Spontanes genutzt wird, gefolgt von Mediennutzung (27 Prozent) und den realen sozialen Kontakten mit Freunden/innen und in der Familie (23 Prozent). Viele Jugendliche treiben regelmässig Sport, investieren dafür mit 13 Prozent jedoch deutlich weniger Freizeit. Musische, kreative und kognitive Aktivitäten wie zum Beispiel lesen machen 4,5 Prozent aus, 3,5 Prozent bleiben für das Helfen zu Hause oder für Jugendjobs.

Decken sich Ihre Ergebnisse mit anderen Studien?
Lucia Sidler: Die befragten Jugendlichen befinden sich in Sachen Mediennutzung, sozialen Kontakten, der Wichtigkeit der Familie, dem Sport und den musisch-kreativen Aktivitäten im Trend. Unsere Erkenntnisse zum Freizeitverhalten entsprechen weitgehend jenen der Schweizer James-Studie 2018.

Haben die Jugendlichen neben Schule, Sport und anderen Aktivitäten noch genügend unverplante Zeit, die sie spontan gestalten können?
Lucia Sidler: Andreas Kaufmann, der Leiter der Offenen Jugendarbeit St. Johannes und ich bekamen letzten Herbst den Eindruck, dass die Jugendlichen insgesamt sehr verplant sind und wenig Freizeit haben. Diese Einschätzung hat uns dann auch zu dieser Erhebung bewogen. Die vorliegenden Ergebnisse bestätigen unseren Eindruck jedoch nicht. Die Gesamtzeit der Jugendlichen verteilt sich zur Hälfte auf Schlafen, Essen und Mobilität, zu einem Viertel auf Schule und Lernen und zu einem weiteren Viertel auf Freizeit. Von dieser ist ein Fünftel besetzt durch verbindliche Aktivitäten wie Trainings, Kurse oder Angebote von Jugendverbänden. Den Rest gestalten die Jugendlichen frei. Es bleibt ihnen also recht viel Zeit zur freien Verfügung. Dass deckt sich mit der Aussage von 80 Prozent der Befragten, dass sie Zeit für Spontanes hätten.

Welche Rolle spielt die Familie bei der Freizeitgestaltung der Jugendlichen?
Lucia Sidler: Von der Zeit, die für reale soziale Kontakte aufgewendet wird, verbringen die Schüler/innen ein Fünftel mit der Familie. Vier Fünftel entfallen auf Kontakte mit Freunden/innen sowie Begegnungen in Jugendverbänden. Aus meiner Sicht spielt die Familie für die Jugendlichen eine wichtige Rolle.
Die Schweizer James-Studie und die Shell-Studie aus Deutschland zeigen, dass Jugendliche in den letzten Jahren wieder vermehrt Zeit mit der Familie verbringen.  

Ihre Untersuchung zeigt, dass der Medienkonsum einen grossen Teil der Freizeitaktivitäten ausmacht. Glauben Sie, dass dieser Anteil noch zunehmen wird?
Lucia Sidler: Die Mediennutzung macht knapp ein Drittel der gesamten Freizeit aus. Die Jugendlichen konsumieren Medien nicht nur, sondern nutzen sie insbesondere zur Kommunikation, zur Information, zur Entspannung oder zum Spielen. Auf das Musikhören oder Filmeschauen entfällt nur rund ein Drittel der gesamten Medienzeit, zwei Drittel jedoch auf die aktive Mediennutzung (Gamen, Handy). Bei der Mediennutzung lauern selbstverständlich auch Gefahren.
Mit dem Lehrplan 21 wird die Medienkompetenz erweitert und heutigen Bedürfnissen angepasst. Im Hinblick auf das Berufsleben und die persönliche Zukunft der Jugendlichen finde ich es unerlässlich, sie für die Möglichkeiten der Medien und einen adäquaten Umgang zu bilden. Ebenso scheint mir die Gesellschaft gefordert, indem sie den Kindern und Jugendlichen einen bewussten Umgang mit Medien vorlebt.
Gemäss Langzeitvergleich der James-Studie hat sich der Aufwärtstrend in der Nutzungshäufigkeit in den letzten zwei Jahren nicht fortgesetzt, sondern ist konstant geblieben. Die nichtmedialen Aktivitäten mit Freund/innen und der Familie haben weiterhin einen zentralen Stellenwert.

Präsentieren Sie die Ergebnisse auch den Jugendlichen selbst?
Lucia Sidler: Ja, aus fachlicher Sicht ist es uns wichtig, dass wir mit einer heterogenen Gruppe von Schüler/innen (dem Schüler/innen-Rat) die Ergebnisse anschauen und sie diese interpretieren lassen. Diese Schüler/innen werden nachher in ihrer Klasse berichten. Die Klassenlehrpersonen informieren wir vorgängig detailliert über die Ergebnisse, so dass sie die Diskussion in der Klasse vertiefen können.

Gibt es grössere Unterschiede beim Freizeitverhalten der befragten Jugendlichen? Oder ticken alle ähnlich?
Lucia Sidler: Gerade bei der Mediennutzung, insbesondere bei der aktiven Nutzung, also beim Gamen und der Handyzeit, liegen die Werte bei den Mädchen deutlich unter den jenen der Jungen. Auch der Sport scheint mehr Sache der Jungen zu sein. Dafür wenden die Mädchen mehr Zeit für die sozialen Kontakte, für musische, kreative und kognitive Aktivitäten auf, haben etwas mehr Zeit zum Ausruhen und für Spontanes. Die Mädchen arbeiten deutlich mehr als die Jungen.
Auch zwischen den Wohnquartieren gibt es Unterschiede. Im Quartier Wesemlin wohnhafte Jugendliche üben deutlich mehr musische, kreative und kognitive Aktivitäten aus, sind mehr online oder spielen Games, haben aber insgesamt weniger frei verfügbare Freizeit und weniger soziale Kontakte als die Jugendlichen, die beispielsweise im Einzugsgebiet Würzenbach wohnen.

Welche Schlüsse ziehen Sie aus den Ergebnissen der Befragung für die Offene Jugendarbeit?
Lucia Sidler: Aus der Befragung konnten wir klar erkennen, an welchen Wochentagen die Jugendlichen in unserem Einzugsgebiet am meisten freie Zeit haben. Bisher hatten wir unseren Jugendtreff „Bunker“ im St. Johannes jeweils am Donnerstagabend geöffnet, die Öffnungszeit soll nun auf den Freitag verlegt werden.
Erfreulich ist, dass die Jugendlichen doch viel frei verfügbare Zeit haben. Dies ist für die Offene Jugendarbeit (OJA) wichtig, schafft sie doch Angebote für die Freizeit. Die Jugendlichen sind zwar häufig online, aber die Beziehungen entstehen primär in der realen Begegnung. Das gilt auch in der Jugendarbeit. Die sozialen Medien wie zum Beispiel Instagram sind für die OJA ein Mittel, um die Jugendlichen virtuell zu erreichen. Durch diese virtuellen Kontakte können reale Begegnungen entstehen. Die persönliche Kontaktarbeit auf dem Schulareal und dem Jugendtreff sind für die OJA jedoch nach wie vor zentral.
Das „Chillen“ und sich erholen vom stressigen Schulalltag ist den Jugendlichen ein grosses Bedürfnis. Die OJA muss diesem Bedürfnis Beachtung schenken und die Jugendarbeit entsprechend gestalten.
Das Team der OJA wird die Ergebnisse der Erhebung demnächst gemeinsam sichten und über fachliche Fragen und Konsequenzen diskutieren

Welches sind derzeit die grössten Herausforderungen der Offenen Jugendarbeit in der Stadt Luzern?
Lucia Sidler: Die OJA ist stets gefordert, mit den Jugendlichen für ihre Bedürfnisse die entsprechenden Möglichkeiten und Räume zum informellen Lernen und Experimentieren zu schaffen. Die OJA passt laufend ihre Methoden an, um den ändernden Bedürfnisse der Jugendlichen gerecht zu werden. Das bedeutet, die Offene Jugendarbeit muss flexibel bleiben. Um dies erfüllen zu können, braucht es gut ausgebildetes Personal, z.B. mit Abschlüssen in der soziokulturellen Animation oder in der Gemeinwesenarbeit.

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