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Im Fokus

Kölner Dom. Hier wurden die elf Unterzeichner des offenen Briefs am 27. Januar 1967 zu Priestern geweiht. Foto: WDWensky (CC BY-SA 3.0)

Sieben Wegweiser für eine Kirche der Zukunft

20. Januar 2017 Von: Urban Schwegler

In einem offenen Brief äusserten sich im Januar elf Priesterjubilare aus Köln zum Zustand der Kirche. Aufgrund ihrer langjährigen Erfahrung als Seelsorger thematisieren sie nicht nur altbekannte Themen wie Priestermangel, Zölibat oder die Rolle der Frauen in der Kirche. Sie formulieren auch Perspektiven für die Zukunft, darunter eine neue Sprache in der Verkündigung oder andere Leitungsformen.

Mit einem offenen Brief zum Zustand der Kirche und des Priesterberufs in Deutschland haben sich elf Priester aus Köln, die 1967 geweiht wurden, an Klerus und Öffentlichkeit gewandt. Anlässlich der Dankesmesse zum Priesterjubiläum, die am 27. Januar stattfindet, schildern sie in einem zweiseitigen Schreiben, wie sie die Zeit nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil erlebt haben. Aus ihrer langjährigen Erfahrung formulieren sie ausserdem «sieben Wegweiser für eine Kirche der Zukunft».

Die elf Priester fühlten sich in den Sechziger Jahren als «Avantgarde einer sich erneuernden Christenheit», heisst es in dem Schreiben. Leider hätte im Verlauf der Zeit jedoch eine von Angst geprägte «Bunkermentalität» überhandgenommen. «Wir mussten lernen, mit Enttäuschungen unseren Weg zu gehen.» Kraft geschöpft hätten sie in dieser Situation bei den Gemeinden vor Ort.

Gott ist kein Thema mehr

Im Weiteren halten die Mittsiebziger fest, was ihnen am heutigen kirchlichen Leben Sorgen bereitet, nämlich «dass die Frage nach Gott bei vielen Menschen hierzulande kein Thema mehr ist.» Die Begeisterung für das Evangelium, die Papst Franziskus zu wecken versuche, packe bisher nur wenige.

Von der Kraft, die von Jesus Christus ausgehen könnte, sei in Gesellschaft und Kultur selbst unter Christen wenig bemerkbar. Dabei müssten Christen gerade «angesichts der wachsenden Zahl der Muslime in Deutschland» ihr christliches Gesicht zeigen. «Vor allem der geistliche Dialog ist gefordert, damit der Geist der Bibel dem Geist des Koran begegnet und hier Wort und Widerwort findet zur Klärung und Annäherung.»

Als besonders schmerzhaft erfahren sie, dass junge Familien und Kinder nach der Erstkommunion nur noch punktuell am kirchlichen Leben teilnähmen.

Wegweiser in die Zukunft

In einem zweiten Teil machen die Priester anhand von «sieben Wegweisern in die Zukunft» Reformvorschläge für die Kirche. Als ersten Punkt erwähnen sie die Erneuerung der Sprache, welche «mit den Erfahrungen deutlicher in Zusammenhang gebracht werden» müsse.

Sie fordern die Kirchenleitungen auf, die «Geistesgaben von Männern und Frauen» nicht durch Kirchengesetze zu begrenzen. Es brauche dringend Vorstösse zur Zulassung von Frauen zu den Weiheämtern. «Es hat keinen Sinn, den Heiligen Geist ständig um Berufungen zu bitten und gleichzeitig alle Frauen von diesen Ämtern auszuschliessen.»

Gott über konfessionellen Querelen

In Fragen der Ökumene erinnern sie daran, «dass der Herr hoch über unseren konfessionellen Querelen steht». Entsprechend liege die Teilnahme an Eucharistie und Abendmahl in der Verantwortung der Gläubigen.

«Grosspfarreien sind in jeder Hinsicht eine Zumutung», halten sie Priester mit Blick auf die Pastoralplanung fest. Hier brauche es ein Umdenken. Eine Gemeinde lebe dort, wo Menschen vor Ort sind. Sie verweisen diesbezüglich auf Projekte in Österreich und Frankreich.

Im letzten Punkt sprechen sie in berührend ehrlicher Weise von der Einsamkeit der Priester. «Als alternde Ehelose bekommen wir sie jetzt, nach 50 Dienstjahren, manchmal deutlich zu spüren.» Der Zölibat, der ausserhalb einer Klostergemeinschaft gelebt werde, «führt immer wieder zu fruchtloser Vereinsamung.» Eine spirituelle Quelle in der Seelsorge setze er selten frei. Viele von ihnen hätten diese Lebensform «um des Berufes willen angenommen, aber nicht gewählt.» Eine Verpflichtung zum Zölibat lasse sich in der Bibel nicht finden.

Namhafte Unterzeichner

Unterzeichnet wurde der Brief von teilweise bekannten Namen. Franz Decker war viele Jahre Chef der Kölner Caritas. Willi Hoffsümmer ist ein bekannter Autor geistlicher Texte, Wolfgang Bretschneider ein angesehener Kirchenmusiker und Präsident des Allgemeinen Cäcilien-Verbands für Deutschland, dem Chorverband der katholischen Kirche in Deutschland.

Reaktionen auch in der Schweiz

Das Schreiben löste vielfältige Reaktionen aus, auch in der Schweiz. Markus Heil, Präsident der Pfarrei-Initiative findet den Text zwar «spannend»,  entdeckt darin aber wenig neuen Inhalt. Er weist darauf hin, «dass im Reformstau der katholischen Kirche auch unter Papst Franziskus noch nicht viel passiert ist.»

Vor dem Hintergrund der langjährigen konservativen Kölner Erzbischöfe sei der Brief «ein Zug frischer Luft». Dass er von etwa 75-jährigen Männern stammt, zeige, «dass die älteren Priester eher zu den mutigen zählen». In Köln einen solchen Schritt zu sehen, mache Mut, «auch für unsere Zusammenarbeit zwischen Österreich, Deutschland und der Schweiz.»

Sylvia Stam, kath.ch


Der Brief der Priester des Kölner Weihejahrgangs 1967 im Wortlaut

Sieben Wegweiser in die Zukunft

Im Aufwind des II. Vatikanischen Konzils haben wir ab 1961 Theologie studiert. Seit dem Verlassen des Priesterseminars im Jahr 1967 trafen wir uns in der Regel monatlich, haben Exerzitien, Weiterbildungen und Reisen gemeinsam erlebt. Am 27. Januar 2017, genau 50 Jahre nach dem Tag, an dem die meisten von uns von Josef Kardinal Frings im Kölner Dom zu Priestern geweiht wurden, wollen wir in der Düsseldorfer Maxkirche, wo wir 1966 zu Diakonen geweiht wurden, unsere Dankmesse feiern.

·         Als wir uns zum Theologiestudium entschlossen, hatte Papst Johannes XXIII die Fenster der Kirche überraschend geöffnet. Die Welt staunte und wir fühlten uns bei der Avantgarde einer sich erneuernden Christenheit. Leider nahmen später bei Kirchenmännern in Rom und auch im Kölner Bistum die Ängste zu. Eine Art von Bunkermentalität sollte den Glauben sichern. Und wer hat da gerufen: Fürchtet euch nicht?

·         Trotzdem hat sich unsere Kirche entwickelt. Durch vorauseilenden Gehorsam in den Gemeinden ist heute manches selbstverständlich geworden und kirchenamtlich geduldet oder sogar anerkannt, was wir damals nach Kräften unterstützt und befördert haben. Mit der Zeit wurde jedoch sichtbar, dass die liturgischen Reformen nicht zusammengingen mit einer neuen und gründlichen Auseinandersetzung mit der Bibel. Wir mussten lernen, mit manchen Enttäuschungen unseren Weg zu gehen. Dabei gaben uns die Gemeinden am Ort oft die Kraft, den Mut nicht zu verlieren.

·         Uns bedrückt, dass die Frage nach Gott bei vielen Menschen hierzulande kein Thema mehr ist. Zudem stellen wir fest, dass die neueren Erkenntnisse über die Bibel und über die Geschichtlichkeit unserer Kirche nicht zum Allgemeingut im Glauben der Christen geworden sind. Eine neue Begeisterung für das Evangelium, die Papst Franziskus mit dem biblischen Leitwort Barmherzigkeit initiieren will, scheint bisher nur wenige zu packen. Das kann resigniert und müde machen.

·         Es tut uns besonders weh, dass außerhalb der "Erstkommunion-Saison" kaum noch Kinder und junge Familien zum Gottesdienst kommen, und viele Jugendliche und Erwachsene, wenn überhaupt noch, nur punktuell am Leben unserer Gemeinden teilnehmen, nachdem wir uns gerade für junge Familien jahrzehntelang engagiert haben.

·         In unserer Gesellschaft, in Kultur, Politik und Wirtschaft merken wir zu wenig und lassen als Christen und als Kirche zu wenig merken von der Kraft, die von Jesus Christus ausgehen könnte. Viele Christen schweigen, anstatt offen und klar für ihren Glauben einzutreten.

·         Angesichts der wachsenden Zahl der Muslime in Deutschland müssen wir unser christliches Gesicht zeigen und uns stärken für den Dialog. Vor allem ist der geistliche Dialog gefordert, damit der Geist der Bibel dem Geist des Koran begegnet und hier Wort und Widerwort findet zur Klärung und Annäherung.

Aber die gegenwärtige Krise im Glaubensleben der Kirchen birgt auch Chancen! Wenn wir uns nicht "von der Hoffnung abbringen lassen, die uns das Evangelium schenkt" (vgl. Kol 1,23), denken wir konkret an sieben Wegweiser in die Zukunft

·         Wir brauchen eine Sprache, die heute bei der Verkündigung der biblischen Botschaft wieder aufhorchen lässt. Die Sprache der Bibel muss mit unseren Erfahrungen und mit unseren Sprachbildern deutlicher in Zusammenhang gebracht werden. Es gilt, mit ihr und ihren Bildern neu und aktuell in Dialog zu treten.

·         Uns ist wichtig, die Kirchenleitungen zu ermutigen, die Geistesgaben von Männern und Frauen walten zu lassen und nicht durch Kirchengesetze in Schranken zu halten: Männer und Frauen sind darin zu bestärken, ihre Begabungen allen zugute kommen zu lassen.

·         Wir brauchen dringend mutige Vorstöße in der Zulassungsfrage zu den Weiheämtern. Es hat für uns keinen Sinn, den Hl. Geist ständig um Berufungen zu bitten und gleichzeitig alle Frauen von diesen Ämtern auszuschließen.

·         Wir brauchen Furchtlosigkeit und Vertrauen darauf, dass der Herr hoch über unseren konfessionellen Querelen steht. Die Teilnahme an Eucharistie und Abendmahl steht in der Verantwortung der getauften Christenmenschen.

·         Wir brauchen jetzt ein Umdenken in der Pastoralplanung. Das bisherige System haben die Kirchenleitungen vor unseren Augen zusammenbrechen lassen. Großpfarreien sind in jeder Hinsicht eine Zumutung: Die zunehmende Anonymisierung und Vereinzelung in der Gesellschaft werden dann auch kirchlich noch gefördert, anstatt dem entgegen zu wirken. Kirche muss vor Ort zu finden und zu sprechen sein. Die Leitung der Gemeinde gehört nicht in eine ferne Zentrale, sondern dahin, „wo der Kirchturm steht und die Glocken läuten“. Es ist hingegen sinnvoll, dass es auch ortsübergreifende Beziehungsnetze gibt wie Caritas, Jugendgemeinschaften oder Kirchenmusik.

·         Es braucht einen Raum für Erfahrungsgemeinschaften des Glaubens im kleinen und im großen, nämlich die Kirche mit Gemeindezentrum. Das Gemeindesterben ist dann durchaus nicht vorprogrammiert, wenn Kirchenmenschen vor Ort sind und dort auch leben. Von Überlegungen und Projekten z.B. in Österreich und Frankreich können wir lernen.

·         Schließlich bewegt uns die Erfahrung von Einsamkeit: Als alternde Ehelose bekommen wir sie – von Amts wegen damals auferlegt – jetzt nach 50 Dienstjahren manchmal deutlich zu spüren. Der Zölibat, verbunden mit dem Leben einer Klostergemeinschaft, vermag große Kräfte freizusetzen; verbunden mit dem "Modell alleinstehender Mann", führt er immer wieder zu fruchtloser Vereinsamung oder/und hilfloser Arbeitshetze. Eine spirituelle Quelle in der Seelsorge setzt er selten frei. Nicht von ungefähr haben viele von uns diese klerikale Lebensform um des Berufes willen angenommen, aber nicht gewählt. Selbst der Bibel fehlen die Worte für das einschlägige Kirchengesetz. Einen Anlass zum Nachdenken bietet ein Bibelzitat, das Antrieb gibt für eine lebensspendende und gemeinschaftsfördernde Novellierung: „Der Bischof soll ein Mann ohne Tadel sein, nur einmal verheiratet ...“ ( 1 Tim 3,2 ).

Die Unterzeichner: Wolfgang Bretschneider, Hans Otto Bussalb, Gerhard Dane, Franz Decker, Günter Fessler, Willi Hoffsümmer, Winfried Jansen, Fritz Reinery, Josef Ring, Josef Rottländer, Heinz Schmidt; zu diesem Kreis zählen sich auch: Klaus Kümhoff, Erhard März, Horst Pehl, Josef Rosche

Quelle: https://www.domradio.de/themen/erzbistum-koeln/2017-01-10/der-brief-der-priester-des-weihejahrgangs-1967-im-wortlaut

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