«Wer wagt, gewinnt!» - Adieu Kirchenrat Herbert Mäder

Als Kirchenrat war Herbert Mäder 16 Jahre lang zuständig für die Baugeschicke der Katholischen Kirche Stadt Luzern. Im Interview blickt er zurück und verrät, warum ihm der MaiHof und das neue Quartierzentrum Wesemlin besonders am Herzen liegen.

Wenn Sie auf Ihre 16 Jahre als Kirchenrat zurückblicken, wie sieht Ihre persönliche Bilanz aus?
Herbert Mäder: Im Ressort Bau und Infrastruktur konnte ich zusammen mit dem jeweiligen Geschäftsführer, dem Leiter der Bauabteilung auf der Geschäftsstelle, dem Kirchenrat und im Einverständnis mit den Kolleginnen und Kollegen von der Pastoral viel erreichen. Dies sowohl bei den Objekten des Verwaltungsvermögens, dazu gehören zum Beispiel Kirchen oder Pfarreiheime, als auch den Objekten des Finanzvermögens wie zum Beispiel den Wohnliegenschaften.

Welches von den Bauprojekten, die in Ihrer Zeit als Kirchenrat realisiert wurden, stufen Sie als das wichtigste ein?
Eigentlich waren alle Objekte in ihrer Art speziell und interessant. Wenn ich aber bedeutende herausheben muss, betrifft es sicher den MaiHof und neu das Quartierzentrum Wesemlin.

Warum gerade diese zwei?
Im MaiHof wurde der grosse Kirchenraum in ein multifunktionales Zentrum umgebaut. Es galt, die verantwortlichen Leute vor Ort, der Stadt Luzern und der Denkmalpflege zu überzeugen. Mit dem Umbau ging damals schon eine Reduktion der Nutzvolumen und Nutzflächen einher. Das bisherige Pfarrhaus und der Pfarreisaal wurden fremdvermietet und die Nutzungen in den verbleibenden Räumen konzentriert.

«Im Ressort Bau und Infrastruktur konnte ich viel erreichen.»

Wie wurde die Umnutzung der Kirche im MaiHof damals aufgenommen?
Das Objekt gilt mittlerweile als erstes und beispielhaftes Umnutzungsvorhaben von Kirchenräumen in der Schweiz, damals «Eglise modulable» genannt. In der Kirchenwelt wurden wir gefragt, was denn der Bischof dazu gemeint habe. Wir mussten gestehen, ihn gar nicht gefragt zu haben, obwohl wir dies wahrscheinlich hätten tun müssen. Möglicherweise hätten Schwierigkeiten mit einem entsprechenden Gesuch erst angefangen. Der MaiHof war das bisher einzige Projekt, bei dem ich trotz eines mulmigen Erfolgsgefühls Überzeugung demonstrieren musste, damit alle mitmachten. Nach dem Motto «wer wagt gewinnt», haben wir schlussendlich gewonnen.

Und was zeichnet das neue Quartierzentrum Wesemlin aus?
Das neue Quartierzentrum Wesemlin wird am 27. August eingeweiht werden. Meiner Überzeugung nach erfüllt es künftig die Auffassung einer Kirche, die dorthin geht, wo die Menschen sind. In einem hoch konzentrierten Nutzungsmix finden wir den Wäsmeli-Träff wieder, dazu Quartierläden, Spitex, die Nachbarschaftsorganisation Vicino, Quartierbüros der Pfarrei und schliesslich 26 Kleinwohnungen sowie als direkten Nachbarn die Pfadi Lindegar. Mittels offenem Architekturwettbewerb konnten wir ein ausgezeichnetes Projekt von Luzerner Architekten «Büro Konstrukt» realisieren, das gerade den obgenannten Mix hervorragend umsetzte. Ich bin gespannt, wie die gebaute Nutzungsdichte sich in den nächsten Jahren bewährt.

«Das Quartierzentrum Wesemlin erfüllt die Auffassung einer Kirche, die dorthin geht, wo die Menschen sind.»

In den letzten Jahren wurden einige Bauprojekte auf Parzellen realisiert, die hohes Entwicklungspotenzial hatten, beispielsweise das von Ihnen genannte Quartierzentrum Wesemlin. Verfügt die Kirchgemeinde über weitere solche Grundstücke, auf denen sie auch in Zukunft solche grösseren Bauprojekte umsetzen kann?
Das Grundstück am Kauffmannweg, heute mit einer baufälligen Baracke belegt, kann aufgrund einer interessanten Idee, noch überbaut werden. Eine Projektidee ist gesucht, die gleichzeitig die Intentionen der Kirche und den Bedarf der Gemeinschaft Stadt Luzern erfüllen vermag.

Seit einigen Jahren verfolgt die Kirchgemeinde Luzern die Strategie, mit Erträgen aus Immobilien in Zukunft sinkende Kirchensteuergelder zu kompensieren. Auf diesem Hintergrund wurden unter anderem die Wohnüberbauungen Unterlöchli oder Ausserschachen in Ebikon gebaut. Warum wird diese Strategie aus Ihrer Sicht auch in Zukunft wichtig sein?
Die Steuergelder gehen im Moment noch nicht zurück, wie die gegenwärtigen Zahlen zeigen. Dies könnte aber in Zukunft beim gegenwärtig sich zeigenden Mitgliederschwund tatsächlich so sein. Die Zahl der steuerzahlenden Kirchenmitglieder nimmt ab, die Ausgaben für Personal oder den Unterhalt der Infrastruktur werden kaum im gleichen Verhältnis sinken. Also müssen andere zusätzliche Einnahmen generiert werden. Dabei ist das Bauen von Wohnsiedlungen eine Möglichkeit. Bei dem begrenzten Liegenschafsbesitz sind diese Möglichkeiten allerdings bald einmal ausgeschöpft, ausser man nutzt heutige Pfarreiliegenschaften um.

Im Kirchenrat hatten Sie viel mit Sakralbauten zu tun und als Architekt haben Sie unter anderem in Luzern die Matthäuskirche saniert und mit der Kapelle der St. Anna-Schwestern selbst eine Kirche neu gebaut. Was zeichnet gute Sakralarchitektur aus?
Da stellt sich grundsätzlich die Frage, ob der Raum sakral ist oder die Nutzung ihn erst dazu macht. Die häufigste Form von Kirchräumen entspricht jener der Basilika, und diese ist dem Typus Markthalle entlehnt. Der Raum erhält eine sakrale Bedeutung, wenn sowohl die Gemeinschaft als auch der einzelne Besucher in eine entsprechend geladene Stimmung gerät, in der Ruhe, Besinnung und gemeinschaftliche Rituale möglich sind. Eine überzeugende Aussage dazu habe ich kürzlich in einer Zeitschrift zum Thema gelesen: Ein Ort, wo man «den Staub des Alltags von der Seele wischen» kann. Dabei vermag der Raum mit seiner besonderen Pracht, seiner Schlichtheit, seinem Volumen, seiner Materialität und/oder seiner Lichtführung, die Besucher emotional zu berühren.

«Ein gelungener Sakralbau vermag die Besucherinnen dun Besucher emotional zu berühren.»

Derzeit gibt es in der Katholischen Kirche Stadt Luzern das Projekt «Neuraum», das sich mit der künftigen Nutzung kirchlicher Räume befasst. Diskutiert werden auch die mögliche Vermietung oder der Verkauf von Gebäuden. Fakt ist, dass die Kirche in Zukunft weniger Räume brauchen wird. Wie soll Sie Ihrer Meinung nach damit umgehen?
Weniger Mitglieder brauchen weniger Räume. Diese an sich einfache Formel geht im Fall der Kirche Stadt Luzern mathematisch nicht so einfach auf. Zugehörigkeit bedeutet Heimat zu einer Kirche, zu einer Pfarrei, zu einem Raum. Das alles spielt da mit. Trotzdem muss über einen längeren Zeitraum versucht werden, die Anzahl der Kirchenräume zu verringern. Die heute vermehrt mobilen Mitglieder sollten durchaus im Stande sein, diesen Prozess mitzumachen und an einem neuen Ort Heimat zu finden. Wichtig ist, dass die «Denkmäler» ihrer Bedeutung entsprechend umgenutzt werden, das heisst, dass ihre ursprüngliche architektonische Qualität auch nach dem Umbau, der Umnutzung noch sichtbar ist.

Welches ist die grösste Herausforderung für Ihren Ressort-Nachfolger/Ihre Ressort-Nachfolgerin im Kirchenrat?
Als erstes sicher eine Dichtelösung zu finden, die für die Kirchennutzerinnen und -nutzer nicht nur Verlust, sondern eine spannende neue Entwicklung der Kirche bedeutet. Und schlussendlich der qualitätsvolle Umgang mit der bestehenden Baudenkmälern im Rahmen des künftigen Veränderungsprozesses.

«Die Kirche hat die mitunter schönsten Objekte in der Stadt Luzern.»

Welchen Rat geben Sie ihr/ihm mit auf den Weg?
Zurückhaltung in Relation zur denkmalpflegerischen Bedeutung unserer Objekte. Wir haben nun mal die mitunter schönsten Objekte in der Stadt Luzern. Diese teils mit neuen Inhalten zu füllen, ohne dass Qualität verloren geht, ist eine grosse Herausforderung.

Interview: Urban Schwegler

Herbert Mäder - Zur Person

Herbert Mäder (71) ist Architekt und Partner des Büros Signer Mäder (vormals Scheuner-Mäder) Architekten in Luzern. Er war von 2006 bis 2022 Mitglied des Kirchenrates, in dem er das Ressort Bau und Infrastruktur betreute. In seine Amtszeit fallen wegweisende Bauprojekte wie etwa die Wohnüberbauung Unterlöchli oder die Erneuerung und Umgestaltung des MaiHof zu einem multifunktional nutzbaren Kirchenzentrum sowie die Gesamterneuerung der Peterskapelle, wo seit Dezember 2018 ein breites seelsorgerliches und kulturelles Angebot beheimatet ist. Derzeit im Bau sind die Wohnüberbauung Ausser schachen in Ebikon sowie das neue Quartierzentrum Wesemlin, die beide 2022 fertig gestellt werden.

Als Architekt realisierte Herbert Mäder die neue St.-Anna-Kapelle und den Umbau der Matthäuskirche in Luzern sowie kürzlich die Erneuerung des Klosters Menzingen, inklusive Restaurierung der Klosterkirche. Zahlreiche Wettbewerbserfolge und die Auszeichnung der Eisenbahner-Baugenossenschaft für die Wohnsiedlung Waldweg mit dem Schweizer
Heimatschutzpreis gehören zu seinen wichtigsten Stationen. Zudem ist er als Bauberater diverser Gemeinden und Jurymitglied bei verschiedenen Architekturwettbewerben tätig.

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