Für eine grenzachtende Kirche

Die Katholische Kirche Stadt Luzern hat unter fachlicher Begleitung der Fachstelle MachtRaum das Dokument «Präventions- und Interventionsmanagement der Katholischen Kirche Stadt Luzern zum Schutz vor Grenzverletzungen und Machtmissbrauch» entwickelt.

Austausch während der Basisschulung «Nähe und Distanz». Foto: marabu-foto-grafik

Die Katholische Kirche Stadt Luzern hat ein Dokument zum Schutz vor Grenzverletzung und Machtmissbrauch erstellt. Was sind die Gründe für dieses eigens entwickelte Dokument und an wen richtet es sich?
Alexander Kraus: Seit etlichen Jahren gibt es in der Katholischen Kirche Stadt Luzern Sensibilisierungsmassnahmen zum Thema Nähe und Distanz, zum Beispiel die Selbstverpflichtungserklärung beim Stellenantritt, die Entwicklung von Standards in den Teams an Standorten und in Fachbereichen, das jährliche Gespräch in den Teams an Standorten und in den Fachbereichen, in den Mitarbeiter:innengesprächen, die Abgabe von Privatauszug beziehungsweise Sonderprivatauszug. Die in der Vergangenheit getroffenen Massnahmen waren gut und richtig, sind jedoch dem heutigen fachlichen Standard entsprechend ergänzungsbedürftig. Deswegen hat eine Arbeitsgruppe, bestehend aus Claudia Schmid (Leiterin Fachbereich Personal), Stephan Müller (Geschäftsführer Kirchgemeinde), Pastoralraumleiter Thomas Lang und mir gemeinsam mit Karin Iten von der Fachstelle MachtRaum ein neues Präventions- und Interventionsmanagement erarbeitet.

Welche sind die wichtigsten Punkte?
Alexander Kraus: Das Präventions- und Interventionsmanagement besteht aus Massnahmen in sechs Handlungsfeldern: Lernmanagement, Risikomanagement, Personalmanagement, Meldemanagement, Krisenmanagement und Nachsorge.
Karin Iten: Ein gemeinsames Verständnis und ein Commitment zu präventiven Massnahmen, die im kirchlichen Alltag sichtbar werden, sind dabei ganz entscheidend. Es reicht nicht, Absichtserklärungen zu haben, sondern wichtig sind konkrete Handlungsfelder und die dafür notwendigen und verbindlichen Instrumente und Gefässe für den Alltag. Diese wurden im Konzept definiert.

Was tut die Katholische Kirche Stadt Luzern aktiv, zum Machtmissbrauch zu verhindern?
Karin Iten: Aus den bereits genannten Handlungsfeldern möchte ich das Personalmanagement hervorheben. Prävention und Intervention steht und fällt mit den Führungspersonen. Führungsarbeit beginnt beim Bewerbungsgespräch, bildet jedoch den Hauptbestandteil in einer zugewandten, aber klaren Begleitung von Personal. So gilt es, Qualität in Risikosituationen zu sichern und Personen enger zu begleiten, die im Graubereich Grenzen überschreiten. Das erfordert Präsenz und Kompetenz in der Führung. Die Katholische Kirche Stadt Luzern fordert punkto Prävention und Intervention von Führungspersonen am meisten ein.

Aktuell wird in der Katholischen Kirche Stadt Luzern die Basisschulung «Nähe und Distanz» durchgeführt. An wen richtet sich die Schulung und was ist das Ziel der Schulung?
Alexander Kraus: Die Schulung wird von Referent:innen der Fachstelle MachtRaum durchgeführt, richtet sich an alle Angestellten und findet in berufsgemischten Gruppen statt: Seelsorger:innen, Sozialarbeiter:innen, Jugendarbeiter:innen, Sakristan:innen, Sekretär:innen und weitere, aber auch Mitarbeiter:innen der zentralen Dienste. Alle können ganz konkret zur Prävention beitragen. Im Fokus der verbindlichen Basisschulungen stehen die Massnahmen des Risikomanagements, das heisst der rollenklare, transparente und professionelle Umgang mit Nähesituationen in allen kirchlichen Tätigkeitsfeldern.

Wohin können sich Personen, die Missbrauch innerhalb der Katholischen Kirche Stadt Luzern erfahren haben, wenden?
Karin Iten: Zunächst empfehlenwir Betroffenen immerdie unabhängige Opferhilfe imKanton Luzern, die opferparteilich in einem geschützten Rahmen berät. Daneben hat das Bistum Beratungspersonen zu sexuellem Missbrauch sowie Kontaktpersonen zu spirituellem Missbrauch mandatiert. Auch diese beraten, müssen jedoch bei Verdacht auf Strafdelikte Meldung an die unabhängige Meldestelle des Bistums Basel machen. Diese unabhängige Meldestelle kann von allen auch direkt kontaktiert werden, die einen Verdacht auf Straftaten haben.

Wie sehen die Präventionsmassnahmen für Ehrenamtliche und Freiwillige aus, die in der Katholischen Kirche Stadt Luzern in sensiblen Bereichen mitwirken?
Alexander Kraus: Die konkreten Präventionsmassnahmen für Ehrenamtliche und Freiwillige, die in sensiblen Bereichen mitwirken, werden derzeit erarbeitet: Neben Schulungen sind auch die Einholung einer Selbstverpflichtungserklärung und die Einholung eines Sonderprivatauszugs vorgesehen.
Karin Iten: Bei Freiwilligen wird der Sonderprivatauszug von den Angebotsleitenden nur eingeholt bei kumulierten Risiken mit Blick auf Verhältnismässigkeit (zum Beispiel Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und schutzbedürftigen Personen). Freiwillige und Ehrenamtliche sollten jedoch nicht in erster Linie kontrolliert, sondern vor allem in ihren Risikosituationen im Alltag begleitet und unterstützt werden. Dies ist ebenfalls Aufgabe der Freiwilligenverantwortlichen beziehungsweise Angebotsleitungen. Natürlich gelten Qualitätsansprüche aus den Verhaltenskodizes auch für Freiwillige und diese müssen wiederkehrend dazu gebrieft werden – nicht zuletzt auch zum Schutz für alle Seiten Prävention ist in erster Linie Support und Rückhalt nicht Kontrolle.

Das Interview wurde schriftlich geführt.


Zu den interviewten Personen

Karin Iten (55) ist Expertin zur Prävention von sexuellem, emotionalem und spirituellem Missbrauch. Sie ist Mitgründerin von MachtRaum, der gleichnamigen Fachstelle, die 2024 gegründet wurde. Davor war sie Präventionsbeauftragte im Bistum Chur und langjährige Geschäftsführerin der Fachstelle Limita zur Prävention sexueller Ausbeutung.
www.machtraum.ch

Alexander Kraus (47) hat Katholische Theologie und Betriebswirtschaftslehre studiert. Er war unter anderem Pfarreiseelsorger in Adliswil ZH und in Einsiedeln. Seit 2019 ist er Koordinator des Pastoralraums Stadt Luzern.

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