Lesen, das Tor zur Welt

A.S. beim Scannen von Infoplakaten Foto: Doris Gauch
War das schon immer so, dass du nicht lesen kannst?
A.S.: Nein. Bis zu einer Hirnoperation 2020 konnte ich lesen, schreiben, rechnen und arbeitete als Elektriker und Baustellenleiter. Nach der Operation konnte ich zunächst weder Arme noch Beine bewegen. Die Beweglichkeit kam zurück, doch Lesen, Schreiben, Rechnen konnte ich trotz vieler Übungen nicht mehr.
Wie kommst du ohne Lesen im Alltag zurecht?
A.S.: Die moderne Technik ist ein wahrer Segen für meine Situation. Mit dem Handy kann ich Texte fotografieren und mir vorlesen lassen. Fernsehen, Telefonate und digitale Medien ermöglichen mir, selbständig zu leben und informiert zu bleiben.
Wie reagieren andere Menschen auf dein Handicap?
A.S.: Viele sind hilfsbereit. Manche aber sagen, sie hätten keine Zeit oder wollen mir nicht helfen oder sie erkennen meine Hilflosigkeit nicht wirklich. Bei manchen merke ich auch, dass sie mich nicht als gleichwertig taxieren.
Was wünschst du dir von deinen Mitmenschen?
A.S.: Eine respektvolle Begegnung auf Augenhöhe.
Wo findest du Freude und Kraft?
A.S.: Ich reise sehr gerne. Mit meinem GA entdecke ich die ganze Schweiz – manchmal fahre ich spontan nach Zürich, St. Gallen oder ins Tessin. Auch Museumsbesuche bereiten mir Freude. Zudem höre ich gerne Countrymusik, besonders das Trucker & Country Festival in Interlaken gefällt mir.
Welche Veränderung ist die bedeutsamste?
A.S.: Früher hatte mein Beruf den grössten Stellenwert. Heute schätze ich die Zeit für mich selbst. Ich hadere nicht mit meinem Schicksal, sondern schaue nach vorne und geniesse das, was möglich ist.
Du kommst regelmässig zum Mittagstisch, was bedeutet er dir?
A.S.: Er ist ein wichtiger Fixpunkt in meiner Woche. Ich schätze die Gemeinschaft, die Gespräche und das Gefühl, willkommen zu sein.
Herzlichen Dank, lieber A.S. für das offene Gespräch!