Nachlese

Predigt zu Joh 20,1-9 = Ostersonntag am Tag

AUF DER SUCHE

„Suchen Sie etwas Bestimmtes?“ fragt die Verkäuferin, wenn wir ein Kaufhaus betreten. Nicht alle Kaufhäuser sind ja so übersichtlich gestaltet, dass man sofort und auf den ersten Blick alles findet, was man sucht. Mitunter hat man etwas im Kopf, nach dem man Ausschau hält. Aber nicht immer hat man etwas Konkretes vor Augen. „Danke, nein. Ich möchte mich erst einmal umsehen!“ Auch das kann eine Antwort sein, wenn man sich erstmal ein Bild verschaffen möchte über die Auswahl.

„Suchen Sie etwas Bestimmtes?“ Das ist auch die Quintessenz dessen, was wir im heutigen Evangelium hören. Maria etwas Bestimmtes. Sie will zu Jesus, ihrem Freund, von dem sie Abschied nehmen musste, als er am Kreuz gestorben ist, zu Jesus, in dessen Nachfolge sie eingetreten ist, mit dem sie so lange schon durch Galiläa gewandert ist. Aber dabei gibt es eben ein Problem: Denn den sie sucht, den findet sie nicht. Der Leichnam ihres Freundes ist nicht mehr da.

FUNDORTE 

Was suchen wir eigentlich an diesem Osterfest? Es ist eine Frage, die wir uns stellen können: Was suchen wir eigentlich? Es gibt so vieles in unserem Leben, was uns widerfährt und mit dem wir uns auseinandersetzen müssen. So vieles, das sich wie eine dunkle Nacht über unser Leben breitet und die Schönheit dieses Lebens beinahe völlig verschleiert. Es gibt so vieles in unserer Welt, was uns immer wieder zeigt, wie brüchig dieses Leben in Wirklichkeit ist. Krieg und Terror suchen uns heim und versetzen uns in Angst und Schrecken. Und nicht zuletzt ist es auch die Corona-Pandemie, die uns auf erschreckende Weise zeigt, auf welch wackligen Füßen unsere ganze Existenz steht. Was suchen wir in diesem Leben? Wonach halten wir Ausschau? Manche können solche Fragen ziemlich leicht beantworten: Sie suchen das große Geld zu machen, sie wollen auf der Karriereleiter möglichst weit nach oben kommen, so viel im Leben erreichen, wie eben nur geht. Sie suchen Bestätigung und Ansehen. Und so mancher träumt schon lange vom großen Glück. Das sind die Träume und Ziele eines jungen Menschen.

Jemand, der sich am Lebensende sieht, sucht nach anderen Inhalten. Ein Mensch mit Blick auf das - potentielle - Lebensende übt sich zunehmend im Loslassen der Dinge und auch Loslassen von Menschen. Ein glaubender Mensch sucht die Aussicht auf die Hoffnung, die uns in Christus in Aussicht steht: Ein Leben im Licht Gottes, das wir hier im irdischen Leben bereits ansatzweise erfahren dürfen, dessen Vollendung aber noch aussteht angesichts von so viel Krieg, Krankheit und Leid. Unsere Lebenssuche erschöpft sich nicht in weltlichen Dingen, um deren Vergänglichkeit wir schon längst Bescheid wissen. Was umtreibt sind die grossen Fragen: Was ist der Sinn des Lebens? Gibt es eine Lösung für das Unheil, das geschieht? Die Erfahrung zeigt uns: Eine Kerze ist stärker als die Dunkelheit; das haben wir symbolisch erfahren, als wir die Osterkerze in die dunkle Kirche getragen haben.

 Maria aus Magdala sucht etwas Bestimmtes, sie hält nach ihrem Freund Jesus Ausschau. Die Suche der Maria aus Magdala geht radikal fehl. Den, den sie sucht, den findet sie nicht.

SUCHEN UND FINDEN

Eine mögliche Botschaft für dieses Osterfest 2022 kann lauten: Bleib in deinem Leben auf der Suche, aber sei offen für Überraschungen, die du nicht einplanen oder erwarten kannst. „Suchen Sie etwas Bestimmtes?“ Ja, können wir sagen, das tun wir: Wir suchen Christus, der auferstanden ist von den Toten und der in der Herrlichkeit des Vaters lebt. Er will auch uns an diesem Osterfest 2022 seine Gegenwart schenken. Das geschieht nicht auf den ersten Blick. So ist er mitten unter uns in der brennenden Osterkerze, die uns seine Nähe zusagt. So ist er mitten unter uns in den schlichten Gestalten von Brot und Wein und verspricht uns, bei uns zu bleiben bis zum Ende dieser Welt. Darüber hinaus brauchen wir den Mut, uns überraschen zu lassen, wenn er plötzlich dort auftaucht, wo wir nicht mit ihm gerechnet hätten. Und so ist es vielleicht ganz gut, zu sagen: „Nein, wir suchen nichts Bestimmtes. Wir wollen uns erst einmal umschauen.“ Erst einmal schauen, wo er sein könnte. Ohne große Erwartungen, ohne schon im Vorhinein zu wissen, wo er sein muss. Dann können wir ihn finden, heute, an diesem Osterfest, und an allen Tagen unseres Lebens. Weil er uns auch heute seine Gegenwart schenken will, dort, wo wir ihn nicht vermuten

FRÜHLING UND AUFBRUCH

Bei der Spurensuche ist es hilfreich zu bedenken, dass das Osterfest ein Frühlingsfest ist: Immer der Sonntag nach dem ersten Frühlingsvollmond. Der Frühling ist schon da, die Knospen drücken schon bevor man sie sieht. Auch Ostern ist schon da, wo wir noch die Sinnlosigkeit und leere finden. Ostern ist schon da, wo erst der eine auferstanden ist und alle anderen noch die Gräber schaufeln, wo Gräben gegraben und Mauern errichtet werden. Wir Christen glauben: Es hat schon einmal einer geschafft, den schweren Stein wegzuwälzen und aufzustehen aus dem Tod.

Ostern 2022 kann heissen: Wir hören nicht auf zu suchen und zu hoffen, das zu finden: Ein Leben in Frieden. Ostern 2022 kann heissen: Wir suchen nach Menschlichkeit und Hoffnungszeichen. Wir lassen uns unsere Hoffnung und unsere Menschlichkeit nicht nehmen!

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