Veganer Kaffee und Eierlikör

Sophie Zimmermann (29) schliesst im Juni ihre Ausbildung zur Pfarreiseelsorgerin nach zwei Jahren Berufseinführung ab. Die junge Theologin arbeitet in den Pfarreien St. Anton · St. Michael in Luzern. Wie sie ihre vielfältige Tätigkeit erlebt und worüber sie sich Gedanken macht, erzählt sie in ihrem Beitrag.

Gemeinsam mit 29 jungen Menschen war Sophie Zimmermann auf der kantonalen Jugendreise im niederländischen Wattenmeer unterwegs (2025). Foto: Michael Zingg

Als Pfarreiseelsorgerin gibt es keine «gewöhnlichen Tage»: Je nach Jahreszeit und Wochentag, aber auch je nach Geburten- und Sterberate sieht jeder Tag anders aus. Das ist das Wundervolle an diesem Beruf, der sich wohl in Zukunft stark wandeln wird.

Dass ich einmal Pfarreiseelsorgerin werde, wusste ich 2017 zu Beginn meines Theologiestudiums noch nicht. Ich suchte vor allem nach rational nachvollziehbaren Antworten auf meine religiösen Fragen. Mit Begeisterung vertiefte ich mich in Bibelwissenschaften und Hebräisch sowie in philosophische, ethische und dogmatische Gedankenwelten. Schliesslich brachte mich mein Studiumsjob in der Kinder- und Jugendkatechese im Freiburger Sensebezirk in die Pfarreiseelsorge. Ich merkte immer mehr: Hier bin ich richtig und kann mit meinem Wissen und Können Menschen berühren und Gutes bewirken. Was wünscht man sich mehr?

Menschen beflügeln

Als Seelsorgerin gehört es zum Beruf, Menschen zuzuhören, ihre Zweifel ernst zu nehmen, sowie sinnstiftende Anlässe zu entwerfen. Zentral ist es für mich, Gottesdienste und Rituale verantwortungsvoll so zu gestalten, dass die Menschen gestärkt daraus hervorgehen. In meiner Arbeit möchte ich für die gleiche Würde aller einstehen. Und die Königsdisziplin: Die (jungen) Menschen dazu ermächtigen, dass sie ihr Glaubensleben selbstverantwortet gestalten können. Dafür braucht es Reflexion, Kreativität, Organisationstalent, Empathie, liebevoll-kritische Loyalität, klare Standpunkte sowie spirituelle und zeitliche Flexibilität. Und ein bisschen Gesangstalent.

Einblick in die Gegenwart

Seit fünf Jahren arbeite ich in diesem Bereich, zwei davon in der Stadt Luzern. Kein Tag gleicht dem nächsten: Mal verbringe ich eine Woche voller existenzieller Gespräche mit Jugendlichen auf einem Segelboot, mal hocke ich lange Bürotage an Predigten und Mails. Hier halte ich klassische Gottesdienste, dort versuche ich mich an neuen spirituellen Jugendformaten. Mal halte ich Abdankungsfeiern in vollen Kirchen, mal nur mit der Urne und dem Friedhofsgärtner alleine. Hier trinke ich veganen Kaffee mit einer Firmandin, dort Eierlikör morgens um 9 Uhr beim Geburtstagsbesuch eines Hochbetagten. Die Vielfalt dieser sinnstiftenden Arbeit ist das, was jeden Tag unverwechselbar und kostbar macht.

Ausblick in die Zukunft

Gleichzeitig ist der Beruf der Pfarreiseelsorgerin auch starkem Druck ausgesetzt und dem kirchlichen Wandel unterworfen. Längst gibt es im Spirituellen und Religiösen keinen gesellschaftlichen Konsens mehr. Unsere Aufgabe ist es, die Menschen dort abzuholen, wo sie beheimatet sind, und uns gleichzeitig des eigenen Ankerpunkts bewusst zu bleiben. Dies erfordert Flexibilität und Standhaftigkeit zugleich. Für die Zukunft werden diese beiden Eigenschaften wohl zu Schlüsselkompetenzen, nicht nur für Pfarreiseelsorgende, sondern für unsere gesamte Kirchenlandschaft: Kirchlich sozialisierte Generationen vergehen, die Anzahl der pastoral Ausgebildeten schwindet. Pfarreien und Kirchgemeinden müssen sich umstrukturieren und neu ausrichten, wenn sie weiterhin funktionieren möchten. Neue Generationen kommen nach, die wieder offen sind für religiöse Lebensdeutungen. Um sie zu erreichen, braucht es passende neue Formate und motivierte Mitarbeitende – dafür müssen Ressourcen geschaffen werden, und andernorts schmerzlich-beherzt gestrichen werden. Wenn wir zusammenarbeiten und diese Wandlungsphase bewusst angehen, dann hat dieser wunderbare Beruf eine Zukunft. Ich bleibe zuversichtlich: Schliesslich steht die Wandlung ja im Zentrum unseres Glaubens.

 

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