Wir müssen «kirchlich» denken und handeln

Nicola Neider und Lukas Gerber im Gespräch. Foto: Andrea Moresino
Nicola, du bist in Berlin aufgewachsen. 1989 schaute mit dem Mauerfall die ganze Welt auf Berlin. Ab da an glaubte man an eine prosperierende Welt – Überwindung extremer Armut und eine sichere Welt. Was bedeutete das für dein Arbeitsfeld im Fachbereich Migration/Integration? Ist die Welt vor 1989 zurückgekehrt?
Nicola Neider: Der Fall der Mauer brachte über Nacht Menschen wieder zusammen, die über fast 30 Jahre getrennt waren. Ich lebte in dieser Zeit in Berlin, und es berührte mich sehr zu sehen, wie sich wildfremde Menschen in die Arme fielen. Der Fall der Mauer war Ergebnis einer friedlichen Revolution von Menschen, die sich nach Gerechtigkeit und Freiheit sehnten. Sie konnten durch ihre friedlichen Proteste bewirken, dass die – ohnehin geschwächte – Staatsmacht aufgab. Heute stehen wir an einem anderen Punkt der Geschichte. Von 1989 wissen wir, was soziale Bewegungen mit friedlichen Mitteln bewirken können.
Und was bedeutet das für uns, und im Speziellen für den Fachbereich?
Nicola Neider: Für unseren Fachbereich, der Teil der Katholischen Kirche Stadt Luzern ist, heisst dies: Uns mit allen Bewegungen zu vernetzen, in denen Menschen an die Vision einer gerechten Welt glauben, wo Menschen einfach Menschen sind. Insofern glaube ich nicht, dass die Welt vor 1989 zurückgekehrt ist, weil wir wissen: Wenn sich viele für Menschenrechte und gegen Rassismus und Ausgrenzung einsetzen, können wir viel erreichen. Wir sollten es aber nicht allein versuchen.
Lukas, du hast dich in deiner Promotion mit der Ökonomisierung von Hilfswerken beschäftigt. Was nimmst du aus dieser Thematik mit im Blick auf dein Engagement bei der Katholischen Kirche Stadt Luzern?
Lukas Gerber: Ich definiere Ökonomisierung als Priorisierung ökonomischer Aspekte, ein Prozess, der nur schwer zu durchschauen ist. Oft begünstigen vermeintlich positiv assoziierte Begriffe eine Ökonomisierung. Beispielsweise Professionalisierung: Es ist ansteckend, wenn jemand seine Profession leidenschaftlich ausführt, ob Handwerkerin, Buchhalter oder Ärztin. Sich aber in seiner Profession auszukennen bedeutet, nicht bloss wachsen, die Mitgliederzahl steigern oder mehr Menschen erreichen zu wollen. Was die Katholische Kirche Stadt Luzern angeht: Früher oder später wird der ökonomische Druck ziemlich sicher zunehmen. Das Rezept ist: Schuster, bleib bei deinen Leisten. Professionell arbeiten bedeutet, die Kirche nicht wie ein Wirtschaftsunternehmen zu «professionalisieren», sondern eben wie eine Kirche zu positionieren. Wir müssen «kirchlich» statt wirtschaftlich denken und handeln, ohne wirtschaftliche Aspekte zu vernachlässigen.
Nicola, wenn Du auf Deine Arbeit zurückschaust: Was ist Dir über die Jahre wirklich wichtig geworden?
Nicola Neider: Mir ist mit den Jahren wichtig geworden, zuhören zu können, wach zu sein für neue Initiativen und vor allem Räume der Begegnung zu schaffen. Und ich habe sehr viel von Menschen gelernt, die vermeintlich marginalisiert sind: Sie haben mir sehr viel gegeben, und ich staune immer wieder, mit welch aussergewöhnlichen Ressourcen Menschen nach Luzern kommen, und wie wenig unsere Gesellschaft – und hier nehme ich unsere Kirche nicht aus – diesen Ressourcen Raum gibt.
Und inwiefern hat dich persönlich das Thema verändert?
Nicola Neider: Persönlich hat mich das Kirchenasyl für Dana und Louisa wohl am meisten verändert: Bis heute bin ich zutiefst erschüttert über das Verhalten der Luzerner Behörden, die das Kirchenasyl mit Gewalt beendet haben. Und es hat dazu geführt, dass ich die Frage des zivilen Ungehorsams der Kirche gegenüber einem Staat noch stärker gewichten möchte. Einem Staat gegenüber, der sich nicht an seine eigenen Gesetze hält – zum Beispiel an die Kinderrechtskonvention.
Lukas, was hat dich bislang bei deinen ersten Schritten im Fachbereich Migration/Integration besonders gefreut? Was eher verwundert?
Lukas Gerber: Ich habe ein großartiges Team angetroffen, das unterschiedliche Stärken mitbringt. Ebenso ist der Fachbereich in einen grösseren Kontext – in den Pastoralraum, aber auch in die städtische Struktur – eingebunden. Das macht Freude, gemeinsam etwas zu entwickeln, nach dem Motto: Suchet der Stadt bestes. Gleichzeitig ist enorm viel im Wandel – kirchlich, gesellschaftlich und politisch. Wir sind gefragt, nach den Zeichen der Zeit zu suchen, sie zu erkennen und entsprechend zu handeln. Das bedeutet, dass für uns als Kirche, als Stadt und als Gesellschaft vieles frag-würdig erscheint und auch erscheinen muss. Dass die Kirche in Luzern schon so weit ist, überrascht mich.
Nicola, meistens geht man davon aus, dass wir Menschen mit Flucht- und Migrationbiografien helfen. Inwiefern haben diese Menschen uns als katholische Kirche, aber auch als einheimische Bürger:innen der Stadt Luzern etwas zu sagen? Auf welche «blinden Flecken» weisen sie hin?
Nicola Neider: Die Menschen aus anderen Kulturen weisen uns darauf hin, dass unsere westlich geprägte Art des Handelns – zum Beispiel in der Wirtschaft oder in der Kommunikation – nicht unbedingt dem entspricht, was uns als Kirche leiten sollte. Wir können es in der Apostelgeschichte lesen, was eigentlich wichtig wäre: «Alle (…) waren ein Herz und eine Seele. Niemand betrachtete sein Eigentum als privaten Besitz, sondern alles gehörte ihnen gemeinsam.» In eher östlich geprägten Kulturen hat die Gemeinschaft einen viel höheren Stellenwert als bei uns. Davon können wir lernen. Wir sollten aufmerksamer hinschauen, wie zum Beispiel in den Migrantenkirchen Gemeinschaft gelebt wird.
Lukas, wenn du auf deinen bisherigen beruflichen Weg zurückblickst: Was bringst du mit, was du bei dieser Stelle einsetzen kannst?
Lukas Gerber: Mein Leben vereint immer wieder Gegensätze: aufgewachsen auf einem abgelegenen Bauernhof, später lange in pulsierenden Städten wie Berlin gelebt; handwerkliche Ausbildung und Doktorat in Diakoniewissenschaft. Das hilft mir, Menschen zu verstehen, deren Leben nicht linear verläuft und die wohl nie die Schweiz auf ihrer Agenda hatten. Es hilft auch in einer Kirche, die selbst im Fluss ist und womöglich neue Erfahrungen mit dem «Migrationsstatus» machen muss – menschlich vielleicht schmerzlich, theologisch ein Status, der ihr gut steht.
Nicola, was würdest Du mir gern auf den Weg mitgeben?
Nicola Neider: Lukas, ich habe diese letzten Wochen der Zusammenarbeit mit dir sehr geschätzt. Gerne gebe ich dir folgendes mit auf den Weg: Bleibe dir selbst treu und gehe mit offenen Ohren und mit offenem Herzen auf alle Menschen zu, denen du begegnest. Ich bin schon jetzt überzeugt, dass du dort viele Ent-Deckungen im wahrsten Sinne des Wortes machen wirst.