Zeit der Herbstgedichte

Nachdenken über den Herbst des Lebens. Es ist die Zeit der Herbstgedichte. Und mit den Herbstgedichten ist manchmal auch das Nachdenken über den Herbst des Lebens verbunden.

Herbst Foto: zVg

Alter

Das aber ist des Alters Schöne,

dass es die Saiten reiner stimmt,

dass es der Lust die grellen Töne,

dem Schmerz den herbsten Stachel

nimmt.

Ermessen lässt sich und verstehen

die eigne mit der fremden Schuld,

und wie auch rings die Dinge gehen,

du lernst dich fassen in Geduld.

Die Ruhe kommt erfüllten Strebens,

es schwindet des verfehlten Pein -

und also wird der Rest des Lebens

ein sanftes Rückerinnern sein.

Ferdinand von Saar

Im Herbst ist die Sicht in den Bergen oft klar. Man kann sehr weit sehen. Gleichzeitig erscheinen die Farben sehr intensiv. Es ist, wie wenn die Natur nochmals ihre ganze Fülle und Pracht entfalten wollte. Zum Herbst gehört aber auch der Nebel. Der herbstliche Morgennebel zeichnet die Konturen weicher. Die Ecken und Kanten sind nicht mehr so scharf.

Der Herbst der Natur kann so zu einem schönen Symbol werden für den Herbst des Lebens.

Wir überblicken eine weite Lebensstrecke, viele Jahre an Erfahrung und Erleben, gleichzeitig gewinnt das Leben gerade angesichts der Endlichkeit nochmals an Intensität, verbunden aber auch mit einer gewissen Weichheit, einer Art Sanftheit. Vielleicht können wir auch Frieden schliessen mit vielem, was wir früher nicht gekonnt hätten.

…  ein sanftes Rückerinnern

Ferdinand von Saar schreibt ein tröstliches Gedicht, das auch dem Schwierigen nicht ausweicht. Aber bei den letzten zwei Zeilen spüre ich einen gewissen Widerstand. Vielleicht sehen wir Menschen des 21. Jahrhunderts den sogenannten Herbst des Lebens nicht mehr so passiv wie vor 170 Jahren, ausschliesslich als sanftes Rückerinnern.

Bei Jesus Sirach im Ersten Tes-tament der Bibel steht der Satz: Die Krone der Alten ist die Er-fahrung. Ich erlebe viele alte Menschen, die den sogenannten Rest ihres Lebens nochmals ganz bewusst in die Hand nehmen, vor dem Hintergrund ihrer langen Lebenserfahrung noch-mals neugestalten.

Vielleicht könnten wir es so sagen: mit der Erinnerung im Gepäck vorwärtsblicken und auch im Herbst des Lebens jedem Tag seine eigene und neue Gestalt geben.

Markus Sahli, Gastprediger

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